Nachtliga-Forum Nachtliga-Forum
Das Rollenspielforum für die Forscherliga, die Nachtwache und unsere verbundenen Realms
www.Forscherliga-Forum.de
www.Nachtliga-Forum.de
 
 Kalender  FAQFAQ  ImpressumImpressum  SuchenSuchen  MitgliederMitglieder  BenutzergruppenBenutzergruppen  RegistrierenRegistrieren  ProfilProfil  EinstellungenEinstellungen  CharakterCharakter  private Nachrichtenprivate Nachrichten  LoginLogin 

Beichtgelegenheit bei Abt Aedan of Iona
Ereignis vom Gestern, um 20:00 bis zum Gestern, um 22:00
Autor: Aedan Antworten: 0

Licht zum Gruße, Bürger Sturmwinds, Gäste, Zugereiste und Durchreisende,

die Gelegenheit, Euer Gewissen zu erleichtern, die Absolution im Lichte oder Seelsorge zu erhalten, habt Ihr am 20. Tage des sechsten Monats in der Kathedrale.
Von der achten b
Predigt der Obersten Klerikerin
Save the Date
Ereignis vom 22. Jun 2018, 00:00 bis zum 22. Jun 2018, 22:00
Autor: Simanthy Antworten: 0

Beschreibung folgt.
KalenderKalender
Mi 20 Jun 2018
Thema Beichtgelegenhe...
Do 21 Jun 2018
Fr 22 Jun 2018
Thema Predigt der Obe...
Sa 23 Jun 2018
So 24 Jun 2018
Mo 25 Jun 2018
Di 26 Jun 2018
Heute ist der 21. Jun 2018, 08:52
 Forum-Index » Rollenspiel » Die Anschlagtafel » Schmökerecke
Der längste Weg...
Neues Thema eröffnen   Neue Antwort erstellen Seite 1 von 1 [8 Beiträge] Das Thema als ungelesen markieren ::  Vorheriges Thema anzeigen :: Nächstes Thema anzeigen
Autor Nachricht
Shephard Angus Bodkin
Forscherliga



"Geißel der Zeloten"
Sir Marschall
<Scharlachrote Faust>

Beiträge: 2272

[ Charakterinfo ]
Titel: Der längste Weg...
Thema Beschreibung: oder: wie Angus Bodkin zum Scharlachroten Kreuzzug kam
Verfasst am: 27. Feb 2013, 18:43 Beitrag  Diese Nachricht und die Folgenden als ungelesen markieren Antworten mit Zitat



Auch in dieser Nacht lehnte er wieder mit dem Rücken an der Wand der Gefallenen im Lordaeron-Denkmal. Ein Bein ausgestreckt, eins angezogen, den Blick auf das Denkmal mit dem kunstvoll gemeißelten L gerichtet. Den Umhang hatte er enger um sich geschlungen, denn obwohl die Nächte in Sturmwind alles andere als eiskalt im Winter waren, geboten sie dennoch nicht vollkommen ohne Schutz im Freien zu nächtigen. Er schloss die Augen und lehnte den Kopf zurück gegen den kühlen Stein, die Stille der Nacht genießend die nur durch das sanfte Rauschen des nächtlichen Meeres unterbrochen wurde. Ab und an hörte er noch den Ruf eines Kauzes aber sonst hätte die Welt in diesem Moment nicht friedlicher sein können.

Friedlich. Ein Wort das ihm manchmal vorkam wie aus einer anderen Welt, weit entfernt von der seinen. Es hatte Zeiten gegeben, in denen er mit jedem Atemzug dafür eingestanden hatte, ihn zu wahren. Das war lange vor Sturmwind gewesen, lange vor Tyrs Hand, sogar vor der Armee. Aber die Zeit hatte mit ihm das gemacht was sie mit jedem machte. Sie hatte ihm mit der ihr eigenen Brutalität die Augen für die Realität geöffnet. Diese Welt konnte, ja wollte nicht in Frieden leben. Dafür waren allein schon die Menschen eines Dorfes zu verschieden, geschweige denn verschiedene Völker. Neid, Eifersucht, Zorn, Habgier, Hass... sie waren ebenso allgegenwärtig wie die vielgepriesenen Tugenden des Lichts und er hatte die Möglichkeit erhalten, das Zünglein an der Waage zu sein. Heute wie damals. Damals.

Damals war er allein auf der der einstigen Hauptstraße von Süderstade nach Tarrens Mühle unterwegs gewesen.


Seine Uniform, die ihn als Rekruten der Königlichen Armee von Lordaeron auszeichnete, war schmutzverkrustet und nur noch das Relikt eines Status so wie die Armee selbst, deren Soldaten entweder erschlagen oder auf der Flucht nach Süden waren. Angus hatte in den wenigen Monaten bei der Armee vor allem eins gelernt – Menschen neigten dazu in Angesicht einer übermächtigen Bedrohung den Rückzug anzutreten. Eine Haltung die er einfach nicht teilen konnte, auch wenn seine Kameraden ihn dafür für traumatisiert, verrückt oder einfach nur lebensmüde erklärt hatten. So kam es dass ihn seine Füße nach Norden in Richtung Lordaeron und Untod trugen während die erbärmlichen Reste seiner Einheit nach Süderstade zum rettenden Hafen flohen. Das letzte, was er auf diesem Weg zu treffen erwartete, waren andere Menschen mit dem gleichen Ziel.

Auf schweren Schlachtrössern reitend waren sie von Westen gekommen und hielten auf seine Richtung zu. Stolz und Zuversicht ausstrahlend ritten sie den schlammigen Weg entlang der schon etliche Kilometer zuvor aufgehört hatte, eine Straße genannt werden zu dürfen. Angus trat an den Wegesrand um den Reitern Platz zu machen. Mehrere Männer und Frauen in roten Rüstungen, die wie frisch vergossenes Blut in der fahlen Spätherbstsonne schimmerten, mit weißen Wappenröcken, welche von einer ebenso blutig roten Flamme geziert wurden. Er hatte erwartet dass sie einfach vorbei reiten würden aber statt dessen blieben sie auf ein Signal der vordersten Reiterin hin stehen. Er konnte die skeptischen Blicke auf sich regelrecht spüren, die ihn durchdringend musterten wie er in seiner fast schon zu Lumpen verschlissenen Uniform dastand mit dem blau weißen Wappenrock der königlichen Armee. Doch der Doppeladler Lordaerons, einst der Stolz von Generationen, war verkommen zu einem löchrigen, verschmutzten Jammerbild und symbolisierte so mehr als gewollt den Zustand des Königreichs.

Während ihr Pferd nervös wieherte winkte die Frau ihn näher um zu fragen was er hier suche. Er erklärte seine Absicht, den Weg über die Berge zu nehmen um nach Darroheim zu gelangen und dort gegen die Untoten zu kämpfen. Sie lachten. Aber Angus war zu entschlossen, zu stur, um sich wegen etwas Gelächter von seinem Vorhaben abringen zu lassen. Er hielt selbst dann noch an seinen Absichten fest, als der Trupp ihm mal mehr, mal weniger freundlich zu verstehen gab, wie selbstmörderisch sein Vorhaben war, noch dazu allein. Einer von ihnen spottete sogar dass der Lumpenbengel sich wohl für Uther persönlich halte. Mit einer abmahnenden kurzen Geste brachte die Anführerin den Trupp zum Schweigen, den Blick immer noch auf Angus gerichtet. Eine Weile sagte sie nichts sondern musterte ihn kritisch, während er trotzig zurückschaute.

Auch heute noch, nach all den Jahren, hörte er ihre Stimme so klar in seinen Ohren, als stünde sie gerade neben ihm.

„Wir sind der Scharlachrote Kreuzzug. Gegründet um dieses Land zu retten und von der Geißel zu befreien. Wir kämpfen für das Licht und für das Leben gegen Untod und Verfall. Wir läutern das Verdorbene mit Feuer und Schwert. Wer nicht mit uns ist, ist gegen uns. Bist du mit uns?“

Ihre Stimme war ernst und tief und klang nach Rauch. Für einen Moment noch hatten einige ihrer Begleiter gegrinst, doch nun war jede Belustigung aus ihren Gesichtern verschwunden. Statt dessen hatte eine Anspannung von ihnen Besitz ergriffen als erwarteten sie jeden Moment das Signal zum Angriff. Vielleicht war auch genau das der Fall gewesen, doch Angus hatte es nicht als solches registriert. Statt dessen hatte er mit aller Zustimmung genickt und geantwortet „Ich bin mit euch.“

Seine Worte wurden mit einem knappen Nicken bestätigt, gefolgt von einem scharfen Fingerzeig gen Boden. Angus kniete augenblicklich nieder, den Kopf senkend. Seinen Speer legte er vor sich quer auf den Boden, darauf bedacht, die Spitze auf keinen Fall auf die Reiter zu richten. Die Frau war inzwischen abgestiegen. Sie war überraschend klein, reichte ihrem Pferd nicht einmal bis zum Widerrist. Ihre Statur war recht kräftig, aber das war zweifelsohne Muskelmasse, und ihr Gesicht wurde von einer feuerroten Lockenmähne umrahmt.

Dort, im Schlamm einer Straße zwischen irgendwo und nirgendwo kniend, hatte er den Schwur eines Scharlachroten Kreuzfahrers geleistet.

Er schloss sich dem Trupp zu Fuß an, da er zum einen Reiten nicht gewohnt war und zum anderen in der Armee als Laufbursche zwischen Offizieren und Heer fungiert hatte. Dadurch konnte er recht gut mit den Schlachtrössern Schritt halten und das musste er auch, denn das Reisetempo der Gruppe war alles andere als entspannt. Ihr Weg war weit und beschwerlich, führte hinauf in den Höhen von ewigem Schnee und Eis, an Alterac und Strahnbrad vorbei, und von da aus hinab zu Fäule und Verderbnis nach Lordaeron. Es war der anstrengendste Weg nach Norden, aber auch der schnellste.

Sie waren stets von kurz nach Sonnenaufgang bis kurz vor Sonnenuntergang unterwegs, rasteten ausschließlich wenn die Pferde verschnaufen mussten. Am Anfang überquerten sie nur Ausläufer der Bergketten, kaum mehr als Hügel, welche der Gegend auch ihren Namen gab – die Hügellande. Am Horizont jedoch erhoben sich bereits drohend die scharfen weißen Zacken des Hochgebirges von Alterac wie eine düstere Warnung. Schien in den ersten Tagen noch die fahle Sonne durch den herbstlichen Dunst wechselte das Wetter schon bald in tristes Grau und ein unangenehmer Dauernieselregen setzte ein. Die Gehöfte unterwegs waren zum Großteil verlassen, viele zerstört und niedergebrannt. Die Pferde hatten es noch am besten denn Gras gab es hier zu genüge, aber auch das wurde mit der Zeit spärlicher. Der Proviant der Reiter hingegen war dürftig. Hartes Brot, gebacken für längere Einsätze aus noch unverdorbenem Korn, etwas alter, aber noch genießbarer Käse, hin und wieder halb verdorrtes Obst, welches hier und da noch an den Bäumen hing. Nachts hockte er mit den anderen im Kreis am Lagerfeuer, so er nicht gerade für die Wache eingeteilt war. Wie auch sie blickte er in die zuckenden Flammen als gäbe es darin eine bessere, erstrebenswertere Welt zu sehen. Die anderen betrachteten ihn immer noch skeptisch und mit Argwohn, nicht zuletzt weil er einen Mund mehr bedeutete, der gefüttert werden musste, aber sie grenzten ihn nicht aus. Dies lag nicht zuletzt auch an der Anführerin, Hauptmann Shukov. Als eines Abends sein Magen so laut knurrte dass er befürchtet, die ganze Welt müsse es gehört haben, war sie zu ihm getreten, brach eine Ecke von ihrem Brotkanten ab und hielt ihm diese entgegen. Shukov sparte sich jede Art von Aufforderung denn beiden war klar, dass ein Ablehnen falscher Stolz und damit definitiv nicht angebracht gewesen wäre. Angus nahm das Brot mit einem dankenden Nicken an und zwang sich, langsam zu essen.

Als sie nach gut drei Wochen endlich Höhen erreicht hatten, in denen selbst Nadelbäume rar wurden, erwachte er eines Morgens in einer Zauberwelt. Der Nieselregen war über Nacht zu Schnee geworden und alles war mit einer dünnen weißen Schicht bedeckt die selbst dem größten Elend etwas friedliches verlieh. Der Atem stand ihm als Wolke vor seinem Gesicht und er rieb sich die tauben Hände um sie aufzuwärmen. Sein Umhang war steif gefroren und der Frost biss ihm ins Gesicht. Mit gewohnter Routine wurde das Lager abgebrochen, doch diesmal ohne das gewohnte Plaudern dabei. Sie alle schwiegen und er wusste auch warum. Schnee hieß weniger Gras für die Pferde. Schnee hieß gefrorener Boden für die Nacht und gefrorener Boden für den Tag. Schnee hieß glatte Wege und zu Eis erstarrte Bäche.

Zwei Tage später war die hauchdünne weißen Schicht knöcheltief geworden, noch einen Tag später reichte sie fast bis zu den Knien. Angus bekam mehr und mehr Probleme mit den Reitern mitzuhalten. Schneeflocken blieben an seinen Wimpern hängen und behinderten seine Sicht. Dazu kam der ewig nagende Hunger und die Kälte, welche die Kraft aus ihm zehrten. Mit jedem Schritt sank er tief in den Schnee ein und musste seine Füße mühsam freikämpfen. Er riss Streifen von seinem Umhang und wickelt sie um die Beine um zu verhindern, dass ihm der Schnee in die Stiefel fiel, aber auch das half nicht viel. Wohl wissend, dass das Wetter um diese Jahreszeit jederzeit umschlagen konnte, drängte Hauptmann Shukov zu Eile um den schlimmsten Teil des Gebirges so schnell wie möglich hinter ihnen zu lassen und Alterac zu erreichen. Der vierte Tag im Hochgebirge begann überraschend heiter, aber binnen weniger Stunden zogen fedrig weiße Wolken auf, welche sich rasch auftürmten und sich schließlich drohend um die Gipfel legten. Unwetterboten. Doch für eine Umkehr waren sie ebenso zu weit wie für ein Ausweichen auf eine andere Route. Es blieb nur der Weg auf der Passstraße.

Dann kam der Wind, der sich bald zu kräftigen Böen steigerte. Dichter Schneefall setzte ein und raubte ihnen die Sicht. Die Hoffnung, schneller über den Pass zu sein als die Wolken die Gipfel komplett verhängen konnten, hatten sie bald aufgeben und auf die Suche eines Unterschlupfes abändern müssen. Meter um Meter kämpften sie sich schweigend auf dem schmalen Pfad voran, welcher auf der einen Seite von einer Felswand, auf der anderen von einem Absturz ins Nichts begrenzt wurde. Immer öfter brauchte Angus zwei Anläufe ehe er die völlig durchnässten Stiefel aus dem Schnee gehoben bekam, bis er schließlich den Halt verlor und vornüber in den verwehten Schnee stürzte, der ihn augenblicklich verschluckte. Wenige Augenblicke später packte ihn eine rot gepanzerte Hand am Kragen und zerrte ihn in die Höhe. Shukov. Wie auch die anderen war sie abgestiegen. Ihr reichte der Schnee sogar noch über die Knie, doch davon ließ sie sich nicht beirren. Den weiteren Weg führte sie ihr Pferd an den Zügeln den vermuteten Pfad entlang.

Kurz nach dem gefühlten Mittag ließen die ersten ihr Leben. Eines der Pferde verfehlte den sicheren Boden und stürzte den Abhang hinunter, seinen Herrn mit sich zerrend der es noch zu halten versuchte. Ein anderes brach sich auf dem unsicheren Grund ein Bein und musste erlöst werden. Sein Leben jedoch rettete die ihren denn das Fleisch des Tieres wurde nicht verschwendet zurückgelassen. Kleine Happen aßen sie direkt roh ehe es gefror, da der Hunger einfach zu groß und die Lage zu riskant war für ein garendes Feuer. Ein Teil des Blutes wurde in einem Becher aufgefangen und herumgereicht. Angus fühlte wie ihm ein Kloß den Hals zudrückte während sein Blick dem Becher folgte, von Hand zu Hand, Mund zu Mund. Die Gesichter verrieten nichts. Kein Ekel, kein Genuss, einfach nichts außer der üblichen Kontenance. Dann ging der Becher zu Shukov, die ihn schweigend direkt weiterreichte ohne den Inhalt zu trinken. Zwei weitere taten es ihr gleich und schließlich wurde er Angus entgegen gehalten.

Er konnte sich sogar noch daran erinnern, wie wohlig warm der Becher sich zwischen seinen kalten Fingern angefühlt hatte. Es war zwar schon erheblich abgekühlt aber noch immer züngelte zarter Dampf aus dem Becher auf. Angus war hin und her gerissen. Auf der einen Seite war es etwas warmes in dieser eisigen Kälte. Auf der anderen Seite war ihm allein der Gedanke daran zu wider. Aber hatte er gerade das Recht wählerisch zu sein? Er hielt die Luft an, hob den Becher an die Lippen und trank. Die Wärme war wohltuend und er versuchte sich genau darauf zu konzentrieren bis sein Magen ihm deutlich klar machte, dass Wärme allein keine Entschuldigung war. Er reichte den Becher rasch weiter und versuchte den aufsteigenden Brechreiz zu unterdrücken, aber zwecklos. Am liebsten wäre er vor Scham in den Boden gesunken, während er mit um sich sich geschlungenen Armen und vornüber gebeugt am Rand stand und sich übergab. Er wischte sich mit dem Handrücken über den Mund und atmete zweimal tief durch um zu prüfen, ob sein Magen wieder beruhigt war. Innerlich verwünschte er sich selbst für seine Dummheit, war er jetzt nicht nur das Pferdeblut sondern auch noch das klägliche Frühstück los. Eine schwere Hand legte sich auf seine Schulter. Angus schaute auf, direkt in das Gesicht von Hauptmann Shukov. Doch anders als erwartet gab es weder Spott noch Schelte, statt dessen nickte sie ihm zu, wohl als Zeichen, dass es in Ordnung war. Eine fast schon peinliche Erleichterung erfüllte ihn, als er sah, dass er nicht der einzige war dem es so erging. Inzwischen hatten sich andere daran gemacht den Kadaver des Pferds weiter zu zerlegen. Was getragen werden konnte, wurde verpackt und verstaut, die Kälte konservierte es von ganz allein.

Von Stunde zu Stunde nahmen die Böen zu bis sie bei beginnender Dämmerung zum Sturm wurden. Der Schnee, den er mit sich trug, war wie abertausende winzige Nadeln aus Eis die ihnen ohne Unterbrechung entgegen schlugen und blutige Einstiche auf der Haut hinterließen. Wer konnte hüllte sich in Umhang und Wolle um Wind und Eis so wenig Angriffsfläche wie möglich zu bieten. Die Kälte ließ den Atem binnen eines Augenblickes gefrieren und die schweren Plattenrüstungen waren rasch mit einer Schicht aus Eis überzogen. Angus konnte sich nicht mehr wirklich an das Gesicht des Mannes erinnern, der auf dieser Strecke vor ihm gelaufen war, aber er erinnerte sich daran, dass ihn fast jedes mal, wenn er wieder zu stürzen drohte, dessen Hand gepackt und ihn gehalten hatte. Ebenso wie ihm sein breiter Rücken Schutz vor dem schlimmsten Sturm geboten hatte.

Der Unterschlupf, den sie kurz vor Einbruch der Dunkelheit erreichten, konnte man kaum als solchen bezeichnen. Ein kleines Plateau unter einer vorspringenden Felswand, von Krüppelkiefern und abgebrochenen Felsbrocken umrandet, die wenigstens ein bisschen Schutz vor dem beißenden Eissturm boten. Der Wind jaulte und tobte als wäre er wütend darüber, dass sie sich seiner Macht zu entziehen versuchten. Mit Schwertern, Äxten und Schilden hatten sie eine Kuhle in den steinhart gefrorenen Boden geschlagen und darin ein Lagerfeuer entzündet, welches eher Ruß und Qualm statt Wärme spendete. Trotz des Unwetters wäre es absolut närrisch gewesen, ohne Wache zu verbleiben, denn im Gegensatz zu ihrer kleinen Gruppe konnte das Wetter einem Untoten nichts anhaben. Einem oder hunderte oder tausende. Ab einer gewissen Zahl hörte man einfach auf darüber nachzudenken.

Es war gefühlt irgendwas kurz vor Mitternacht als seine Wache begann. Während er sich aufrappelte schweifte sein Blick hinüber zu der Gruppe, die eng an eng liegend sich gegen den schützenden Fels presste während er zum Schutz gegen den Sturm die Schultern hochzog. Bis es von Schwärze zu Dunkelheit dämmerte würden dennoch noch viele Stunden vergehen und das mickrige Ding von Lagerfeuer neben ihm kämpfte genauso ums Überleben wie sie selbst. Drohend pfiff der Wind um die Berggipfel und zerrte an den Fetzen seines Umhangs als wollte er ihn nicht vergessen lassen, dass er jederzeit zurückkehren könnte um ihm den Garaus zu machen.

Angus klemmte sich den Speer unter den Arm und hielt die Hände ein wenig über das kleine Feuer. Er versuchte die steifen Finger ein wenig zu bewegen und verzog das Gesicht. Das Gefühl war ihm schon länger aus den Fingerkuppen gewichen, aber er konnte sehen wie sich die Finger regten. Der breite Wollstreifen, welchen er sich zum Schutz vor den beißendem Frost um Nase und Mund geschlungen hatte war derweil steinhart gefroren und eisverkrustet. Seine Ohren schmerzten als wären sie selbst zu Eis geworden und das Blut an seinen vom Frost geplatzten Lippen war gefroren. Er warf einen Blick auf seine Stiefel, die fast vollkommen im Schnee versteckt waren. Zumindest hatte er die Absicht seine Füße zu bewegen, doch ob sie es taten wusste er nicht. Wenn er lief fühlte es sich an als würde er schweben da er nicht sagen konnte ob der Fuß nach einem Schritt schon wieder den Boden berührte oder nicht.

Ein Knuffen an der Schulter ließ ihn zusammenschrecken, dazu ein mahnender Blick des Kameraden, der die Wache mit ihm teilte. Sich hier ablenken zu lassen konnte tödlich sein. Angus nickte knapp als Zeichen dass er verstanden hatte und straffte die Schultern, den Speer nun wieder mit beiden Händen festhaltend. Auch wenn die Waffe erheblich größer war als er selbst und er keineswegs in der Lage war diesen zu werfen wie ein gelernter Speerkämpfer so gab er ihm doch ein Gefühl der Sicherheit und des Halts, ganz so als wäre es sein ganz persönlicher Strohhalm. Für die nächsten Stunden standen er und der andere Wächter Seite an Seite auf dem kleinen Klippenvorsprung während ihm der Frost tiefer und tiefer unter jeden Zentimeter Haut kroch. Sie sprachen kein Wort, denn zum einen lenkte Reden zu sehr ab, zum anderen kostete es Kraft die sie beide nicht entbehren konnten.

Irgendwann, immer noch weit vor der Dämmerung, ließ der Wintersturm langsam nach. Riesige Schneeflocken hatten die Eisnadeln abgelöst und wirbelten in einem hektischen Tanz um ihm herum zu Boden bis er seine Stiefel nicht mehr sehen konnte. Seine mit Fell umwickelten Hände hörten allmählich auf vor Kälte zu schmerzen und nach einer Weile hatte er sogar das Gefühl, als würden seine Finger regelrecht vor Hitze glühen. Eine Erfahrung, die er schon in früheren Wintern gemacht hatte. Er blinzelte träge denn es war nicht nur die Kälte die ihn gerade am meisten zu schaffen machte, sondern auch der Hunger und vor allem die Müdigkeit. Die Hände rutschten immer wieder vom glatten, eisüberzogenen Holz der Waffe und immer öfter ertappte er sich dabei, wie er weg zu dämmern begann nur um kurz darauf aufzuschrecken.

Er wusste noch, dass die beißende Kälte mehr und mehr einer wohligen Wärme gewichen war, die ihn nur noch schläfriger gemacht hatte bis er die Augen nicht mehr hatte offenhalten können und er umgekippt war. Bruchstückhaft erinnerte er sich daran, wie der andere ihn am Arm gepackt und geschüttelt hatte um ihn zu wecken. Erinnerungsfetzen. Wie er neben dem Lagerfeuer der Gruppe lag, Shukovs Gesicht über ihm, während sie ihm irgendwas ins Gesicht schrie und ihr Umhang um seinen Schultern lag. Die unerträgliche Kälte, die ihm mit langen Fangzähnen in die Füße biss. Die Hitze des eingeflößten Alkohols in seinem Mund, dann in seinem Leib. Das Danach war Finsternis.

Bis heute vermochte er nicht zu sagen ob er sich das dumpfe Gemurmel um ihn herum und das Zucken seines Körpers eingebildet hatte. Er wusste nur dass er irgendwann wieder ins Bewusstsein zurück getaumelt war und sich alles Übelkeit erregend um ihn gedreht hatte. Mit Gewissheit wusste er dass mindestens einmal Shukov neben ihm gewesen war während er in Umhängen und Fell eingewickelt auf einem trockenen Lager aus Stroh gelegen hatte, vermutlich eine Scheune in Alterac. Ihm war heiß gewesen, so furchtbar heiß und dennoch hatte er gleichzeitig vor Kälte gezittert. Sein rechter Fuß war zunächst taub, doch je klarer sein Kopf und seine Wahrnehmung wieder geworden waren, um so stärker hatten sich pochende Schmerzen ausgebreitet, bis sie ihm schließlich Tränen in die Augen getrieben hatten.

Es hatte Tage gedauert bis Angus wieder soweit bei Kräften war, dass der Trupp die Festung Alterac verlassen konnte. Der Himmel war klar und ließ den Schneesturm wie einen surrealen Albtraum wirken. Den Weg hinab nach Lordaeron ritten sie. Angus saß im Sattel vor Hauptmann Shukov, die ihn mit einem Arm festhielt während sein dick bandagierter Fuß kraftlos an der Flanke des Pferdes baumelte. Gefühlt endlose Tage später zeichneten sich endlich die Wachtürme der Festungsanlage von Tyrs Hand durch die gelbbraunen Dunstschleier ab und...

Ein Glockenschlag zerriss die Stille des Morgens und ließ ihn aus dem Schlaf hochschrecken. Die Zeit der Morgenmesse war nicht mehr fern, der Frieden seines Zufluchtsortes vorbei. Träge schon Angus sich an der gravierten Wand empor, dehnte und streckte sich, ehe er den Weg in Richtung Kathedrale ging, die Erinnerungen hinter sich lassend.
_________________



Zuletzt bearbeitet von Shephard am 6. Feb 2018, 10:08, insgesamt 2-mal bearbeitet
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Shephard Angus Bodkin
Forscherliga



"Geißel der Zeloten"
Sir Marschall
<Scharlachrote Faust>

Beiträge: 2272

[ Charakterinfo ]
Titel: Verfasst am: 19. Jul 2013, 14:52 Beitrag  Diese Nachricht und die Folgenden als ungelesen markieren Antworten mit Zitat

Kapitel 2

Die Müdigkeit steckte mit bleierner Schwere in seinen Knochen, aber er ließ es sich nicht anmerken. Wie gewohnt stand er stoisch auf seinem Posten, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, die Schultern durchgedrückt, den Blick gerade aus auf die Frischlinge in ihren roten Roben gerichtet, welche sich gerade schweißgebadet über den ebenso roten Staub von Sturmwinds Übungsplatz kämpften. Der Boden unter Sturmwind - rot. Eigentlich pure Ironie.

Der schier nimmermüde Blick des Chevaliers registrierte jeden Fehler der Zeloten. Jeden falschen Schritt, jede falsche Haltung, jedes Zögern, jedes Abbremsen aus Angst, dem Gegenüber weh zu tun. Aber das durfte es nicht geben. Es war tödlich im falschen Moment und falsche Momente kündigten sich selten an.

Zufriedener mit den Leistungen als gedacht aber weniger zufrieden als gehofft scheuchte er die Zeloten nach mehreren Stunden Hetzerei zurück zur Kathedrale, während er selbst die Übungswaffen einsammelte und sich auf den Weg zur anderen Seite des Kathedralensees machte. Stunden über Stunden verbrachte er mit der täglichen Pflege der Ausrüstung, meistens in der Nacht. Stunden, in denen die anderen schliefen und vermutlich von einer ruhigen heilen Welt träumten.

Mit Polierpaste, Tuch und Waffenöl ausgerüstet setzte er sich auf einen größeren Stein im Schilf und machte sich an die Arbeit, denn auch wenn es allesamt nur stumpfe Übungswaffen waren, so war es doch notwendig, jeden Anflug von Rost zu entfernen. Mit jahrelang eingeübter Routine bearbeitete er Schwert um Schwert, Axtblatt um Axtblatt. Den kleinen Schild wendete er um die Riemen zu prüfen, zog zwei-dreimal daran und nickte. Wieder ein Schwert, ein Streitkolben, noch ein Schwert.

Sein Blick fiel auf die Reflektion auf dem blanken Metall. Er runzelte ungläubig die Stirn. Erste graue Spitzen zeigten sich hier und da in seinem Bart. Falten an den Augenwinkeln, Furchen zwischen den Augenbrauen. Wann war er so alt geworden?

„Du schaust zu oft zu grimmig, Angus Bodkin,“ schoss es ihm durch den Kopf.

Wie lange war es her, dass er diese Worte gehört hatte. Eigentlich doch gar nicht so lange aber wenn er genauer darüber nachdachte...

Es war nicht allzu viel Zeit vergangen, seit er mit dem Reitertrupp in Tyrs Hand angekommen war. Tyrs Hand. Die Stadt der Kirchen. Umgeben von riesigen Schutzmauern saß sie einem Bollwerk gleich zwischen den Bergkämmen und unterbrach den Weg vom Binnenland zur Küste. Er wusste noch wie er den Atem angehalten hatte als er die tiefrot gedeckten Dächer im Nebel erblickt hatte. Ein Rot das ein Signal setzte, als wolle es jedem, der es sah, entgegen schreien „Wir leben!“

Als sie die riesigen Tore durchschritten hatten war er aus dem Staunen nicht mehr herausgekommen. Außerhalb dieser gigantischen Wehrmauern starb das Land und Untote wandelten tags wie nachts, aber dahinter blühte und gedieh das pure Leben, ganz so als wäre es der Quellpunkt allen Seins. Ehrfurcht hatte Besitz von ihm ergriffen wie er sie noch nie gekannt hatte. Vor dem Ort, vor dem Licht und vor dem Wappen seiner Kameraden, welches nun auch seines werden sollte. Am Anfang hatte er noch gedacht, er würde mit Shukovs Trupp zusammenbleiben, aber man hatte ihn direkt nach der Ankunft für die nächsten zwei Wochen in einen abgelegenen Teil der Stadt gebracht, wo er, in erster Linie von Priestern umgeben, die Grundlagen eingetrichtert bekam. Als er endlich zu den neuen Rekruten kam, fand er kein einziges bekanntes Gesicht mehr in der schieren Masse an Kreuzfahrern. Hunderte, eher noch Tausende von ihnen lebten und arbeiten hier ohne Unterlass. Ein Bienenstock, dessen Königin die alles überragende Kathedrale im Zentrum war. Die einzige vertraute Konstante war Hauptmann Shukov, die die Rekruten, und damit auch ihn, zu Kreuzfahrern ausbildete.

Es war jedoch nicht Hauptmann Shukov gewesen, die ihm seinen Wappenrock überreichte, sondern eine junge, groß gewachsene Frau mit rabenschwarzem Haar und scharf geschnittenen Gesichtszügen, welche nur wenig älter zu sein schien als er selbst. Ihr stechender Blick schient ihn bis auf die Seele zu durchblicken wollen in der absoluten Überzeugung, ihn als kleines minderwertiges Nichts enttarnen zu können, welches das Wappen nicht verdiente.

„Krüppel.“

Mehr hatte Elisabeth von Richwin nicht gesagt als sie ihm eher übel als wohl die Farben des Ordens überreichte. Mehr war auch nicht nötig gewesen. Ihre gesamte Mimik und Gestik ihm gegenüber strahlte pure Verachtung und Feindseligkeit aus. Es war keine Feststellung seines Fußes wegen gewesen, nein. Es war ein Urteil. Und entgegen Elisabeths Meinung war Angus kein Idiot sondern sich von dieser ersten Begegnung an darüber klar, dass diese Frau ihm das Leben zur Hölle machen würde, wenn er nicht konstant mit aller Kraft dagegen stünde. Um so härter traf ihn die Erkenntnis dass auch sie hoch in der Gunst von Hauptmann Shukov stand, befand sie sich doch meistens an deren Seite.

Wochenlang absolvierte er den tagtäglichen Drill, immer unter den scharfen Augen und nimmer endenden Kommandos von Shukov und von Richwins, wobei gerade letztere ihn persönlich im Visier hatte. Liefen die anderen Rekruten fünf Runden, so waren es für ihn sieben. Wurden allen zwanzig Liegestütze befohlen... Auf ihn kamen dreißig zu. Elisabeth machte sich von Anfang an eine Art Spaß daraus neben ihm herzulaufen, scheinbar mühelos in ihrer gesamten Rüstung, während er immer wieder strauchelte und haderte und sich nur langsam daran gewöhnte, dass sein rechter Fuß nur noch drei Zehen hatte. Immer wieder grinste sie ihn bitterböse an, deutete an ihm ein Bein zu stellen. Manchmal tat sie es auch tatsächlich und ließ allen Spott und Häme auf ihn hernieder hageln wenn er zu Boden ging, weil er einfach zu lange brauchte um auszuweichen.

„Steh auf, Krüppel! Los, lauf weiter. Was denn, bist du zum dumm deine Füße zu heben? Lauf, du Idiot! Lauf um dein erbärmliches Leben!“

Nicht selten begleiteten Tritte ihre Schimpftiraden. Angus hätte am liebsten zurückgeschrien und ja, er wäre gerannt, aber das Gleichgewicht war alles andere als sein Freund in dieser Zeit und so konnte er meist nichts weiter tun als die Arme schützend um den Kopf zu schlingen und zu warten bis sie es müde wurde oder Shukov sie zurückpfiff. Abends war er meist zu frustriert und wütend auf sich selbst um die nötige Ruhe für den nächsten Tag zu finden. War es ernsthaft das, was er sich erhofft hatte als er damals vor Shukov gekniet hatte? Laufen und gehorchen bis an sein Lebensende? Was hatte er bei der Armee anderes getan als zu laufen und zu gehorchen? Das eine war wie das andere. Aber konnte er sich damit zufrieden geben?

Nein, konnte er nicht. Als Elisabeth ihn während des Laufens wieder piesacken wollte gab er diesmal nicht klein bei, sondern ließ sich zu Boden fallen, die Deckung des Kopfes außer Acht lassend, um statt dessen ihr Bein zu packen und sie ebenfalls zu Fall zu bringen. Von da an ärgerte sie ihn nur noch gelegentlich und würdigte ihn kaum eines verächtlichen Blickes, fast so als wäre sie des Spielens mit ihm als Maus überdrüssig. Oder aber sie war enttäuscht, dass er immer noch da war.

Dass im Kreuzzug doch etwas anders war als in der Armee, das merkte er endgültig an jenem Abend, als er das erste Mal in die riesige Kathedrale beordert wurde, um offiziell durch den Klerus vom Status des Rekruten zum Soldaten befördert und damit vollwertig aufgenommen zu werden. Die Luft war von Gesängen erfüllt und dicke Weihrauchschwaden trieben ihm die Tränen in die Augen. Der Steinboden fühlte sich kalt unter seinen nackten Füßen an, während er in den schier endlosen Reihen der Neulinge darauf wartete, endlich niederknien und den Segen empfangen zu dürfen, der ihn ein für alle Mal dem Kreuzzug verschreiben sollte.

Von jenem Tag an schien einiges anders zu werden. Shukov nahm ihn abends immer öfter beiseite wenn alle anderen bereits ihre Ruhezeit hatten und bläute ihm im wahrsten Sinne des Wortes den Umgang mit Kurzschwert und Schild ein. Wieder und wieder stellte sie ihn vor neue Herausforderungen. Klettern. Rennen. Springen. Ducken. Nicht selten riss sie ihn mitten in der Nacht aus dem Schlaf und scheuchte ihn auf Übungsläufe, aber irgendwann waren seine Sinne so empfindlich auf jedes Geräusch in der Nähe, dass er wach wurde ehe sie auch nur auf fünf Schritte an ihm war. Mitunter gesellte sich Elisabeth zu den Übungsstunden und verdrosch ihn nach Strich und Faden ohne Rücksicht oder Gnade. Am Anfang ihr einfach ausgeliefert und ohne jede Hilfestellung von Shukov, bemerkte er doch nach und nach Muster in den Bewegungen seiner Peinigerin, welche er allmählich gezielt zu unterbrechen versuchte.

Er schnaubte kurz. Danke, Elisabeth, für deine Fürsorglichkeit. Vermutlich hat man mich damals nur an meinem Wappenrock als zugehörig zum Orden erkannt. Der Rest musste so blau, grün und lila gewesen sein, dass ich problemlos als kurzohriger Kal‘dorei durchgegangen wäre.

In all den Monaten spielte sich sein gesamtes Leben nur innerhalb der gewaltigen Mauern von Tyrs Hand ab. Botengänge, Übungen, mehr Botengänge, Putzen, Laufen, Kämpfen, die Tiere versorgen, noch mehr Laufen. Zunehmend drängten Flüchtlinge aus ganz Lordaeron nach Tyrs Hand und nahezu täglich wurden es mehr. Man musste aufpassen, dass man nicht bei jedem Schritt jemandem auf die Füße trat. Die Kreuzfahrer schienen von den wuselnden Heerscharen keine Notiz zu nehmen sondern bewegten sich stur ihren Befehlen entsprechend. Die Ausbilder hingegen schrien sich auf den Trainingsplätzen die Kehlen an den zahllosen Rekruten wund. Die Stadt drohte aus allen Nähten zu platzen, und dennoch schien es zwischen den Mauern und Türmen offenbar für jeden einen Platz zu geben. Keiner wurde abgewiesen, niemandem das Tor verwehrt. Tyrs Hand nahm sie alle auf und bot ihnen Schutz unter den rot leuchtenden Dächern.

Manchmal, wenn er sah, wie wie ein Kampftrupp für einen Außeneinsatz zusammengestellt wurde, erfüllte ihn Neid. Neid und die Sehnsucht, mit ihnen zu gehen und endlich hier heraus zu kommen, etwas tun zu können wie er es geschworen hatte. Doch es dauerte fast ein ganzes Jahr ehe er wieder einen Fuß außerhalb des Tores setzte. Als Teil eines neunköpfigen Trupps wurde er auf seine erste Mission geschickt. Der Einsatz an sich klang simpel und unspektakulär. Begleitung eines Kuriers bis zum Treffpunkt mit dem Kurier des nächsten Kommandopostens, Informationsaustausch, Rückkehr. Das alles beritten. Nicht viel was anderes als die Reise, die ihn hierher gebracht hatte und eine einfache Aufgabe für die Neuen.

Der Trupp war bunt gemischt. Ein Zwerg, drei Frauen, der Rest Männer, wovon einer, der Kurier, etwas spitzere Ohren zu haben schien. Und er. Sein Truppführer war ein junger Leutnant namens Melrache, das wusste er noch. Das Ziel der Truppe war Corins Kreuzung, nicht einmal eine Tagesreise von Tyrs Hand entfernt, aber eine willkommene Abwechslung gegen die nimmer endenden Steinmauern. Angus trug ab diesem Tag nicht mehr die gut genutzte Übungsrüstung an sondern eine nagelneue, ohne Kratzer im roten Lack, die Shukov ihm am Abend zuvor vorbei gebracht hatte.

Er musste kurz lächeln. Da hatte sie gestanden. Hauptmann Natasi Shukov. Die störrischen roten Locken zu einem strengen Zopf zurückgebunden, die Pfeife im Mund, mit der roten Rüstung unterm Arm. Er hatte in den letzten Monaten nicht nur an Muskeln sondern auch noch an Größe zugelegt und aus dem vormals schmächtigen Rekruten war ein kräftiger Soldat geworden und konnte nun von einem doch beachtlichen Höhenunterschied auf sie hinab blicken.. nein, er musste. Und sie? Sie hatte dagestanden mit diesem Grinsen im Gesicht, ihn mit einer Geste auf die Knie gescheucht und ihm die Rüstung angelegt. Als sie ihm einen mütterlichen Klaps hinter die Ohren gegeben hatte zusammen mit ihrem gemurrten „Pass gefälligst auf dich auf, Bengel“, hatte er sich gefühlt wie ein Knappe, der eben seinen letzten Schlag erhielt.

Ihre Pferde waren nicht minder begeistert endlich weiter laufen zu können als die ewigen Kreise auf dem Übungsplatz. Ungeduldig hatten sie geschnaubt und mit den Hufen gescharrt während sich der Trupp in der Morgendämmerung vor dem Tor sammelte. Ausgebildete Schlachtrösser, mit Rüstplatten ausgestattet wie wie ihre Reiter und abgehärtet gegen Kampflärm und Feuer. Angus hatte sich am Anfang nicht wirklich wohl gefühlt, dass nicht mehr er selbst lief sondern das Pferd unter ihm. Dafür war er umso mehr darauf bedacht dem Tier keine Anstrengungen zuzumuten die er selbst nicht bereit wäre zu bewältigen. Überhaupt war die Verbindung zwischen einem Kreuzfahrer und seinem Ross ebenso eng wie bei den Kavalleristen der Armee. Die Pferde wurden versorgt ehe die Reiter sich selbst versorgten.

Nie würde er den Geruch des Sattelleders vergessen, nie das Nicken des Pferdes als er in den Steigbügel trat, so als wolle es ihm zusätzlich noch Mut zusprechen. Dann öffnete sich mit einem tiefen Knarzen das gewaltige Tor von Tyrs Hand und gab den Weg frei in lebensfeindliches Gebiet, welches nur noch aus Verwesung und Tod bestand. Die Bäume waren welk, das Gras faul, der Himmel gelblich trüb.

Auf ein Zeichen von Melrache hin setzte sich der Trupp in Bewegung. Zwei Reiter vorn, zwei hinten, jeweils zwei an der Flanken, der Kurier in der Mitte. Angus hat die vordere linke Flanke zugeteilt bekommen. Mit aufmerksamen Blick suchte er die Umgebung ab, aber da war... nichts. Tiere schleppten sich hier und da von Maden zerfressen durch den braunen Dunst, welcher sich in jeder noch so kleinen Senke sammelte, aber sonst schien es nichts zu geben. Wenn alles gut ging, wären sie in der Abenddämmerung zurück.

Leutnant Melrache schien diesen Weg schon öfter zurückgelegt zu haben. Er wies immer wieder auf Besonderheiten hin und zeigte Fixpunkte anhand derer man selbst nachts seinen Weg finden würde, auch wenn keiner von ihnen die Absicht hatte, je herauszufinden, ob es funktionieren würde. Die Pestländer, wie dieser Landstrich nun hieß, waren kein Ort, an dem Lebende in der Nacht reisen sollten.

Unterwegs begegneten ihnen immer wieder Gruppen von Flüchtlingen, welche mal mehr, mal weniger ängstlich nach dem Weg fragten. Die Antwort war immer die gleiche - ein stummer Fingerzeig. Nicht selten hatten sie Kinder bei sich, die meisten schmächtig und kränklich, ebenso wie die Alten. Angus stutzte einen Moment da er solche Leute fast nie in Tyrs Hand gesehen hatte. Nicht bei den Rekruten des Kreuzzugs zumindest.

Eher er aber weiter darüber nachdenken konnte, kam ein kurzer Befehl und sie setzten ihren Weg fort bis die Sonne zwar hoch am Himmel stand, aber von dicken Dunstschleiern fast völlig verdeckt wurde. Als sie um eine lange Biegung ritten, tauchten nicht weit weg von ihnen die Umrisse mehrere Gebäude auf. Corins Kreuzung. Der Ort lag ruhig und friedlich vor ihnen, wenngleich die Gebäude deutlich zeigten, dass schon länger keine dauerhaften Bewohner mehr hier ansässig waren. Hängende Fensterläden, Löcher in den Scheiben, gelöste Dachschindeln auf dem Boden. Dann schließlich das vertraute Rot, welches an der Seite des ehemaligen Rathauses aufblitzte. Zwei Mitglieder des anderen Trupps kamen ihnen entgegen, salutierten schon von fern zum Gruß. Die Anspannung wich aus den Reitern und sie hielten darauf zu.

Doch gerade als Melrache das Signal zum Absitzen geben wollte kehrte die Anspannung zurück. Nicht bei den Reitern, aber bei den Pferden. Die vordersten schnaubten aufgeregt und zerrten an den Zügeln. Alarmbereitschaft erfasste den Trupp, Hände glitten zu Waffen. Die Mitglieder des anderen Trupps blieben in einigen Metern Entfernung stehen und hoben die unbewaffneten Hände. Sie wären auf einen Trupp Untote gestoßen und der Geruch haftete ihnen wohl noch an, erklärten sie. Ihre eigenen Pferde seien in Panik davon geeilt als es zum Kampf kam.

Angus war nicht der Erste und nicht der Einzige der stutzte. Eher würde sein Pferd mit den Hufen voran die Untoten zu zertreten versuchen als...

Weiter kam er nicht. Der Angriff erfolgte so rasch von allen Seiten dass die Formation des Trupps sein Nachteil wurde. Untote preschten von den Seiten heran, huschten tief gebeugt zwischen ihnen hin und her, unter den Pferden hindurch, denen sie mit messerscharfen Krallen über die Rüstplatten fetzten um Sehnen und Bäuche aufzuschlitzen. Die Pferde strauchelten, bäumten sich auf und traten mit den Hufen nach der Bedrohung von unten. „Eher würde sein Pferd mit den Hufen voran die Untoten zu zertreten versuchen...“ Genau das. Wer Glück hatte, wurde abgeworfen, wer Pech hatte, wurde von seinem Tier begraben. Schreie gellten durch die Luft, Stahl klirrte auf Stahl. Rote Rüstungen eilten aus einem der Häuser auf sie zu doch statt ihnen zu Hilfe zu kommen bohrte sich Ordensklinge durch Ordensrüstung.

Binnen weniger Augenblicke formte der Leutnant mit kurzen gebrüllten Kommandos eine brauchbare Verteidigung gegen die Angreifer. Zwei ihrer eigenen Leute mussten sie dennoch liegen lassen, ebenso einige der Schlachtrösser. Ein Dritter ihrer Kameraden wurde gerade von zwei Angreifern in Rot davon gezerrt. Er schrie nicht mehr. Derweil wüteten weiter die Untoten zwischen den noch stehenden Pferden und die Pferde zwischen den Untoten. Angus wusste noch wie ab und an ein Angreifer ihrer kleinen Schildreihe entgegen raste, die Krallen immer wieder über den Stahl kreischten und wie sein Schwert Knochen und totes Fleisch durchschlug. Es war immer eine Sache an einer Übungspuppe zu trainieren, aber eine andere wenn man den wirklichen Feind vor sich hatte. Und doch waren es nur vereinzelte, als gelte die gesamte Aufmerksamkeit den Tieren, bis es Angus dämmerte. Leutnant Melrache nutzte die Ablenkung durch die Pferde um sich mit den Verbliebenen des Trupps zu einer besseren Position zurückzuziehen. Das Todesurteil für die Pferde und eine schmerzliche Gewissheit für die Reiter.

Sie sprinteten zwischen den Häusern entlang in Richtung Ortsrand, weg von der Stadt, weg von den heiseren Schreien der Untoten und dem Wiehern der sterbenden Pferde. Keine drei Häuser weiter fanden sie die Reste des anderen Trupps. Das Blut war zwar bereits getrocknet, aber noch gut erkennbar. Leere Augenhöhlen starrten in den dunstigen Himmel. Vermutlich hatte es sie vor ein bis zwei Tagen getroffen, so dass noch nicht einmal alle wieder auferstanden waren. Eine der Leichen trug einen ledernen Köcher, in dem Schriftstücke oder auch kleine Päckchen aufbewahrt werden konnten. Ihr eigener Kurier beugte sich über die Reste und machte sich mit grazilen Fingern an dem Verschluss des Köchers zu schaffen, um den Inhalt an sich zu nehmen. Schwarze Schwärme von Fliegen stiegen empört auf und enthüllten ein weißes, sanft wogendes Tuch über den aufgedunsenen Leibern, welches sich als ein lebender Teppich aus Maden und Larven entpuppte. Mit Öl und Feuer wurden die Gefallenen vor dem Untod bewahrt. Dicker schwarzer Rauch stieg auf, der atemraubende Gestank nach verbranntem Fleisch und Chitin breitete sich aus. Die verfaulenden Angreifer heulten wütend auf, ihrer zukünftigen Unterstützung beraubt und versuchten immer wieder vorzupreschen, doch das Feuer hielt sie ab, das nun auch die benachbarten Häuser ergriff.

Den Schutz der Flammen nutzend trieb Melrache seinen Trupp zwischen den Häusern entlang, immer wieder Haken schlagend, über Zäune hinweg zum Seeufer hin, wo noch immer hüfthoch das Schilf stand. Sie warfen sich in den Schlamm und verschwanden zwischen den trockenen Halmen, welche im Wind leise raschelten. Das nächste Stück robbten sie durch stinkende braune Brühe, auf der grüner Schlick in kindskopfgroßen Klumpen schwamm. So albern es in dem Moment auch war, doch Angus war unendlich dankbar für jeden einzelnen zusätzlichen Sprung, für jede höhere Hürde die er in den ersten Monaten hatte nehmen müssen. Jede Bewegung war koordiniert, kein Jammern, kein unnötiges Gerede. Jeder wusste was er zu tun hatte und eine seltsame Ruhe lag über dem Trupp.

Corins Kreuzung lag nun zwischen ihnen und dem Weg nach Tyrs Hand. Ihr zwergischer Kamerad war gefallen, ebenso ein Mann und eine Frau. Angus lag, wie der Rest auch, flach auf den Boden gepresst. Den Schild behielt er als Schutzfläche zum Liegen unter sich, um sich um im Fall des Falles nur herum rollen zu müssen um ihn hochzureißen. Das Schwert in der rechten Hand, den Kopf angespannt lauschend erhoben. Vom leuchtenden Rot der Rüstungen war nichts mehr zu sehen. Schlamm bedeckte geschätzt jeden Zentimeter, egal ob Stahl oder Haut. Melrache und der Kurier redeten derweil im leisen Flüsterton miteinander, blickten abwechselnd umher und hin und wieder nickten sie oder schüttelten den Kopf. Was immer es war, was der Kurier holen sollte, es war verdammt wichtig, denn ein Ausharren auf Rettung wurde ausgeschlossen.

Sie verharrten noch bis zur Dämmerung in ihrem Versteck, dann robbten sie weiter. Das tote Schilf raschelte verräterisch, wann immer es sich unter ihren Bewegungen bog und brach brach. Die Untoten schienen sich zurückgezogen zu haben, zumindest waren sie nirgends zu sehen, doch das hatte, wie ihre Ankunft bewiesen hatte, nicht viel bedeuten. Tief gebeugt und in Reihe hastete der Trupp am Uferstreifen entlang, der im weiten Bogen um das Dorf führte. Immer wieder verharrten sie, lauschten, Schwert und Schild jederzeit einsatzbereit. Gerade, als sie sich weit genug entfernt hofften, brachen erneut die Untoten über sie herein.

Der Kampf war bitter aber sie hatten keine weiteren Verluste. Die unendlichen Übungen mit Schild und Schwert zahlten sich aus und wie eine tödlich perfekte Maschinerie schoben und schlugen sich Kreuzfahrer Seite an Seite durch die heran preschenden Wogen untoten Fleisches und hackten es in Stücke. Eine bisher nicht gekannte Euphorie ergriff Angus, während er zwischen seinen Brüdern und Schwestern stand und ebenso seinen Teil beitrug wie jeder andere auch. Der Schild des Bruders rechts von ihm schützte auch ihn, während sein Schild auch die Schwester links von ihm schützte. Eine funktionierende Einheit, in der sich jeder auf den anderen blind verlassen konnte und sich in Sicherheit wusste. Es war wie ein Rausch, der ihn erfüllte und den er nicht mehr missen wollte. DAS war es, was er wollte. Das frustrierte, wütende Kreischen der Kadaver ließ zwar ihre Trommelfelle vibrieren, doch ihre Waffen umfassten sie umso entschlossener. Krallen und Klauen schlugen unaufhörlich gegen ihre Schilde und versuchten sich einen Weg durch die rote Stahlmauer zu graben, die sich derweil beständig weiter in Richtung Tyrs Hand zurückzog. Zurück blieb eine eigenwillige Fährte aus abgetrennten Gliedern, gesplitterten Knochen und Fetzen faulen Fleisches.

Es war irgendwann tief in der Nacht als auch der letzte der Angreifer sich nicht mehr rührte. Melrache war seine Truppe abgegangen, hatte jeden von ihnen angesehen und geprüft und genickt, hier und da ein kurzer aufmunternder Klaps. Dann die Bestätigung. Sie würden den Rest der Nacht laufen um zurück zur Stadt zu kommen. Erneut nahmen sie ihre Formation ein, den Kurier schützend in die Mitte. Die Lücken der gefallenen Kameraden wurden ausgeglichen. Der Marsch war hart. Ohne Pause, ohne Halt, konstant in Alarmbereitschaft ging es zu Großteil quer feldein im zügigen Tempo. Der Mann hinter ihm keuchte und rang pfeifend nach Luft wenn es bergauf ging. Aber statt ihn zu stützen oder zu zerren nahm Angus ihm kommentarlos den schweren Schild ab und schulterte ihn selbst. Schweigend wurden während des Marschs Feldflaschen herumgereicht, Trockenfleischstreifen wurden gekaut. Mehr gab es nicht. Das einzige Geräusch war das Metallische Aufeinanderschlagen ihrer Rüstungsteile, hin und wieder von einem tiefen Husten oder Räuspern aus trockener Kehle unterbrochen.

Die Nacht in den Pestländern war nicht wirklich finster. Obwohl der Himmel konstant dunstig war und man Sterne nicht einmal erahnen konnte, war es nicht pechschwarz. Nachts zeigte sich immer das skurrile Bild eines verzauberten Landes. Die Pilze, welche seit dem Ausbruch der Seuche überall wuchsen und teilweise gigantische Ausmaße annahmen, leuchteten in der Dunkelheit in einem unheimlichen Grün. Einige Käfer und Maden glommen ebenso vor sich hin und gaben seltsame Blinksignale, während sie durch das teils brusthohe vertrocknete Gras flogen. Ebenso schimmerte der Schlick in den Pfützen und Tümpeln. Und über allem prangte ein fahler, gelblicher Mond.

Die Wachfeuer von Tyrs Hand waren schon von weitem zu sehen. Am Horizont hinter ihnen dämmerte es bereits und erhellte das rettende Tor in einem warmen Rot-Orange. Angus spürte die Erleichterung, die durch den Trupp ging, als der Leutnant es schließlich auch aussprach und einige Handsignale für die Wachen auf der Mauer gab. Sie hatten es geschafft. Von der Freude neu beflügelt wurden die Schritte schneller und schneller je näher sie kamen. Als sie selbst die dunklen Silhouetten der Wachposten auf der Mauer sehen konnten war es nur der eingedrillten Disziplin zu verdanken, dass sie nicht aus der Formation brachen und wild zum Tor rannten, bis sie schließlich nur noch wenige Schritte davon entfernt waren und es sich langsam knarzend öffnete. Stolz erfüllt ihn als er eine kleinere, massigere Figur dort oben neben einem der Feuer stehen sah, deren rote Rüstung und rotes Haar im Schein der Flammen glühten. Shukov.

Er atmete tief durch. Noch immer erinnerte er sich an jenes Geräusch, das er damals das erste Mal gehört hatte. Ein hohes Pfeifen in der Luft, das rasch auf sie zukam und dann abrupt mit einem dumpfen, etwas schmatzenden Schlag endete...

Keiner von ihnen hatte zunächst gewusst, was es gewesen war, bis eine von ihnen stumm nach hinten über fiel mit einem Armbrustbolzen in der Brust, und sich mit starrem Blick in den Himmel nicht mehr rührte. Die Formation geriet ins Stocken, irritiert über das Geschehene, doch Leutnant Melrache scheuchte sie mit eiserner Miene weiter. Wieder hörten sie das Geräusch und der Kamerad hinter Angus schrie dumpf auf, mit einem Bolzen in der Schulter, den er herauszuzerren versuchte. Angus blieb stehen und drehte sich zu dem Getroffenen. Er griff nach ihm um ihn mit ins schützende Innere zu zerren als sich schwere Schritte vom Tor her näherten. Gerade als er sich umdrehen wollte um nach Hilfe zu schreien wurde er von hinten gepackt und zur Seite gerissen. Ein Arm legte sich würgend um seinen Hals und drückte ihm die Luft ab. Panik stieg in ihm auf. Mit beiden Händen packte er nach dem Arm und versuchte ihn wegzuzerren, während er nach Luft schnappte, doch es half nichts. Er verlor den Boden unter den Füßen als man ihn weiter und weiter zum Tor schleifte. Der getroffene Kamerad sackte röchelnd zu Boden und ein massiver Schatten schob sich vor ihn, verdeckte jede weitere Sicht. Eine kräftige Hand packte Angus am Handgelenk und drehte ihm den Arm so plötzlich mit so massiver Wucht auf den Rücken, dass seine Schulter hörbar nachgab und er vor Schmerz aufschrie. Von der Bewegung mitgerissen stürzte er vornüber auf die Knie. Jemand drückte seinen Kopf hart gen Boden während weitere Hände sich daran machten, ihn zu entwaffnen und in Ketten zu legen. Er wollte die Leute anbrüllen, erklären, dass es ein Irrtum war, doch dazu kam er nicht mehr. Etwas explodierte an seinem Kopf und ließ ihn in Finsternis stürzen.

Quarantäne. Das Wort hatte ihm schon immer einen Schauer über den Rücken gejagt. Wer in Quarantäne gesteckt wurde, war im Verdacht, infiziert zu sein und wurde von der Inquisition geprüft. Viele von ihnen hatten sie schon erlebt aber keiner sprach darüber. Es war nötig um zu sehen, ob ein Infekt vorlag oder nicht, und wer sagte schon freiwillig: „ja, ich bin infiziert.“

Als Angus zu sich kam lag er nur noch mit einer dünnen Leinenhose bekleidet auf kaltem, nassen Stein in einem fensterlosen engen Raum. Sein Kopf schmerzte und seine Schulter brannte wie Feuer. Er brauchte einen Moment bis er registrierte, dass er in einer der Zellen in den Katakomben der Kathedrale war, in die nur spärlich etwas Licht durch einen schmalen Spalt am Fuße der schweren Tür fiel. Hände und Füße waren immer noch in Ketten gelegt. Die Zelle selbst war kaum groß genug als dass er sich hätte ausstrecken können. Wasser sickerte an der Wand hinab und weckte in seinem Hals die schmerzhafte Trockenheit, als habe er seit Tagen nichts getrunken. Er begann zu warten. Auf dem Boden sitzend, die Beine angezogen und von der nassen Mauer weggerückt, den Blick auf die Tür. Hin und wieder nickte er weg, aber nie für lange, nahm er zumindest an. Doch es passierte nichts. Ab und an wurde ein kleiner Blechteller durch den Schlitz geschoben mit ein paar Löffel Haferbrei darauf, sonst nichts. Manchmal hörte er noch wie jemand an der Zelle vorbei ging, mitunter ein Schleifen oder auch ein Husten. Er war also nicht allein hier unten und doch fühlte es sich an, als wäre er der letzte lebende Mensch in Tyrs Hand. Seine Gedanken rasten in der Dunkelheit, malten sich Szenarien aus was ihn wohl jetzt erwartete, was man mit ihm vorhatte. Und je mehr Zeit verstrich um so schlimmer wurde es. Die Angst hatte ihn fest gepackt und wühlte sich gnadenlos durch seinen Verstand.

Irgendwann, eine gefühlte Ewigkeit später, näherten sich schwere Schritte, dann dröhnte das Schlagen von Metall auf Metall und die Tür wurde geöffnet. Angus erstarrte augenblicklich, spürte, wie sein Herzschlag aussetzte, als er dort das Gesicht von Elisabeth von Richwin erblickte, an der Seite eines scharlachroten Inquisitors. Ihr Lächeln und der finstere Blick des Mannes neben ihr verriet nichts Gutes. Ein kurzer Wink zum Folgen, dann stand Elisabeth bereits neben ihm und zerrte ihn grob auf die Beine und aus der Zelle.

Er wusste nicht mehr wie oft sie ihm immer wieder die gleichen Fragen gestellt hatten. Ob er wusste, dass zwei im Trupp infiziert waren. Ob er bewusst einen Infizierten nach Tyrs Hand bringen wollte. Ob er sich absichtlich gegen die Befehlsgewalt von Tyrs Hand gestellt hatte als er den Kranken schützte. Woher kam er. Was hatte er bisher getan. Wollte er dem Kreuzzug schädigen? Wie war sein Name? Wo war seine Familie? Wollte er den Orden verraten? Diente er der Geißel? Leugnete er das Licht? Wusste er, dass es im Trupp Infizierte gab....

Wieder und wieder wurden die gleichen Fragen gestellt. Mit den Antworten offenbar nie zufrieden intensivierte der Inquisitor die Fragestellung von Runde zu Runde und Elisabeth half ihm dabei mehr als willig. Er hatte keinerlei Zeitgefühl dort unten doch es war ihm bewusst, dass es etliche Tage sein mussten, die er dort verbrachte. Verzweiflung regte sich in ihm. Was, wenn er nie wieder hier heraus kommen würde? Befragung um Befragung vergingen und immer wieder rang er mit sich, die Fragen einfach so zu beantworten, wie man es hören wollte, nur damit es vorbei war. Sein Rücken war inzwischen ein Flechtmuster aus Striemen und Rissen, die Gelenke wundgescheuert, der Körper übersät mit Prellungen, blauen Flecken und kleinen Verbrennungen. Mit jedem Herzschlag jagte der Schmerz in einer Woge aus Pein durch seinen geschundenen Körper und ließ ihn sich in einer Ecke der winzigen Zelle zusammenkrümmen, sobald man ihn wieder allein ließ. Doch Angus war damals schon stur und unnachgiebig.

„Ein Kreuzfahrer lügt nicht“, hatte ihm Shukov in den ersten Wochen eingebläut und er würde sich daran halten, koste es was wolle. Er würde nicht lügen. Und er würde weder Elisabeth noch dem Inquisitor den Gefallen tun, nachzugeben oder gar zu brechen.

Irgendwann, als er wieder einmal zusammengekauert in seiner Ecke lag, ließ ihn ein metallisches Klirren aufschrecken. Dieses Mal stand sie allein in der offenen Tür und ihr Schatten fiel drohend auf ihn hinab, während sie ihn mit kühlem Blick musterte und abschätzte, so wie immer. Für einen Moment dachte er, sie würde ihr Werk vollenden, was sie so sehr genossen hatte, aber statt dessen kniete sie sich wortlos neben ihm nieder und schloss die Ketten auf. Mit einer Hand packte sie ihn fest am Arm und zog ihn kommentarlos auf die Beine. Ein weißer Blitz schoss durch seine Schulter, so das ihm für einen Moment schwarz vor Augen wurde und er Sorge hatte, zu fallen, doch Elisabeth hielt ihn fest und stützte ihn sogar. Irritation. War das jetzt das Ende? Sie führte ihn aus der Zelle, den Gang entlang an scheinbar endlosen anderen Zellen vorbei, weiter in Richtung Treppe, nach oben. Als sie ins Freie traten war es Nacht. Schweigend führte sie ihn mit bestimmten Druck weiter und er folgte. Nicht einmal im Traum hätte er daran denken können, sich zu widersetzen oder loszureißen, fehlte ihm doch für beides die Kraft. Doch statt zum Galgen oder zur Schießwand führte Elisabeth ihn geradewegs zu den Baracken, in denen das Lazarett untergebracht war und lieferte ihn dort bei einer der Schwestern mit einem stummen Nicken ab.

Er hatte mehrere Tage dort verbracht, bis er endlich die Erlaubnis bekam, wieder aufzustehen und die rote Rüstung erneut anzulegen, welche säuberlich poliert neben seiner Pritsche lag. Als er gerade die letzten Schnallen schloss trat jemand hinter ihn und blieb dort stehen. Angus hielt inne und blickte über die Schulter, nur um sich fast augenblicklich umzudrehen und Haltung anzunehmen. Natasi Shukov hatte die Arme vor der Brust verschränkt, den Blick prüfend auf ihn gerichtet. Direkt hinter ihr stand mit ebenso prüfendem Blick Elisabeth von Richwin. Für einen kurzen Moment erinnerte er sich an die Silhouette auf der Mauer, ehe die Bolzen ihre eigenen Leute getroffen hatten. Shukov war dort gewesen, aber hatte nichts dagegen getan. Wieso? Als habe sie seine Gedanken gelesen hob sie eine Augenbraue.

„Wieso hast du ihm geholfen?“

Angus zuckte bei der Frage innerlich zusammen. Wie oft hatte er sie schon dem Inquisitor beantwortet.

„Er war ein Kamerad. Kameraden lässt man nicht im Stich.“

Shukov runzelte die Stirn ein wenig, dann nickte sie.

„Er war infiziert. Du riskierst unser aller Leben wenn du so jemanden zurückkommen lässt.“

„Was wenn er es nicht wahr? Wir hatten alle Durst, kein Wasser mehr, der Marsch war la....“

„Angus!“ Shukovs Stimme wandelte von eben noch normal mürrisch verbissen zu scharf mahnend drohend. „Wage es niemals das Urteil des Lichts in Frage zu stellen. Verstanden?“

Er schwieg. Und er nickte. Ja, er hatte verstanden.

„Dummer Bengel“, schnaubte sie und wandte sich ab, ließ ihn allein mit Elisabeth, die immer noch unbewegt da stand.

Die Stille, die auf einmal in dem kleinen Separee herrschte, war mehr als unangenehm. Keiner von beiden schien ein Wort sagen zu wollen, geschweige denn über die letzten Tage reden zu wollen. Schließlich drehte er sich wieder von ihr weg um die Riemen der Rüstung zu überprüfen.

„He.“

Elisabeths Stimme klang weder herablassend noch feindlich. Kein Spott, kein Zynismus. Er blickte über die Schulter und schaute fragend zu ihr.

Noch immer stand sie da, doch hatte sie einen Arm inzwischen halb nach vorn gestreckt. Ohne ein weiteres Wort warf sie ihm eine flache, schmale, etwa handlange Schachtel zu. Einen Bruchteil zu spät reagierend ruderte er mit den Händen um die Schachtel, die gegen Brustpanzer schlug, davor zu bewahren, auf den Boden zu fallen. Er musterte den Gegenstand skeptisch, als erwartete er, dass es jeden Moment explodierte.

„Sie hat sich in dir nicht geirrt. Mom hat sich noch nie dumme Kinder gesucht.“ Sie schnaubte frustriert und ein kurzes Lächeln huschte über ihr Gesicht, aber wohl eher aus Enttäuschung als aus Freundlichkeit.

Er runzelte die Stirn und schaute sie fragend an.

„Hauptmann Shukov ist Eure.....“

„Meine“, unterbrach sie ihn mit Bestimmtheit und machte klar, dass sie keinen Widerspruch duldete. „Und wohl auch... deine. Und ich kann verkrüppelte Brüder nicht ausstehen.“

Angus blickte wieder auf die Schachtel, drehte und wendete sie ehe er sie öffnete. Er erblickte fein säuberlich poliertes Eichenholz, eingefasst mit silbernen Beschlägen und ebenso silbernen Intarsien, welche sich ergänzend in die Maserung des Holzes fügten.

„Was ... ist das?“

Noch immer stirnrunzelnd und etwas irritiert über das Geschenk wendete er den Blick zu ihr. Elisabeth schnaubte abermals, wohl immer noch an Shukovs Menschenverstand zweifelnd. Und natürlich über Angus‘ offensichtliche Dummheit.

„Ein Messer, du Idiot“, gab sie genervt zurück. „Männer rasieren sich angeblich ab und an und du hast es nötig.“

Behutsam, als könne es zerbrechen, nahm Angus das Messer aus der Schachtel. Es fühlte sich kühl an und lag schwer, aber sicher, in seiner Hand. Vorsichtig zog er die Klinge heraus und drehte das Messer ein wenig. Absolut makellos und auf Hochglanz poliert spiegelte sich sein Gesicht im blanken Stahl wieder und er furchte noch mehr die Stirn. Verschwunden war der schmächtige Bursche mit dem zarten Flaum im Gesicht. Statt dessen blickte ihm ein ernster junger Mann mit dunklem Bart entgegen.

„Du schaust zu oft zu grimmig, Angus Bodkin.“

Mit diesen Worten verließ Elisabeth von Richwin das Separee und ließ ihn allein zurück.

Noch immer blickte er auf die Reflektion in der Klinge. Das Grau der Augen war noch immer das gleiche, doch die Jahres des Krieges und der Entbehrung hatten die Entschlossenheit darin mit Bitterkeit vermischt. Die Haut zeigte Spuren von vielen Jahren im freien Feld. Wettergegerbt, hier und da die fahlen Narben von kleineren Verletzungen, eine davon als kleine kahle Stelle in der Augenbraue, unauffällig, wenn man nicht darauf achtete. Mit einer Hand strich er über die Stoppeln, die schon wieder seine Wangen bedeckten. Es würden vermutlich keine fünf Jahre mehr vergehen bis sein Bart komplett ergraut sein würde.

Er atmete tief durch und genoss die frische Kühle der Sturmwinder Abendluft. Dann erhob er sich, räumte die Übungswaffen zusammen, verstaute das Reinigungsmaterial und begab sich auf den Weg zurück zur Kathedrale.
_________________
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Shephard Angus Bodkin
Forscherliga



"Geißel der Zeloten"
Sir Marschall
<Scharlachrote Faust>

Beiträge: 2272

[ Charakterinfo ]
Titel: Verfasst am: 6. Sep 2013, 22:32 Beitrag  Diese Nachricht und die Folgenden als ungelesen markieren Antworten mit Zitat

Kapitel 3

Er stand auf seinem üblichen Posten, dem oberen Absatz der Kathedralentreppe, und ließ den Blick aufmerksam über den Platz schweifen. Ein alternder Ritter saß auf der Bank, sein Knappe hinter ihm. Daneben zwei Zeloten in Rot die eifrig diskutierten. Eine Nachtelfe, die sich ein goldenes Blatt aus den weißen Haaren entfernte, welches der Baum, unter dem sie saß, verloren hatte. Die Kinder vom Waisenhaus tobten wie eh und je über den Platz und über allem thronte Sankt Uther mit erhobenem Hammer, als wolle er sagen: „Ich schütze das Leben, ich schütze diese Stadt!“

Eine Schwester des Ordens kam von den Gärten zurück und blieb einen Moment am unteren Ende der Treppe stehen, blickte zu ihm hinauf. Ihre blonden Haare leuchteten golden in der herbstlichen Sonne. Langsam nur erklomm sie Stufe für Stufe wobei sie das linke Bein immer etwas nachzog, was dem ungeübten Auge jedoch kaum auffiel, außer der Wind ließ ihre Robe sich an das Bein schmiegen und gab damit die Umrisse einer Stützschiene preis. Ihr Blick war auf ihn geheftet und Angus begann zu überlegen, wie lange er sie eigentlich schon kannte. Eins fiel ihm sofort ein. Es war Herbst gewesen...

Die Nächte waren kühler geworden und die Feuer dienten nicht nur als Signale und Lichtquellen. Und auch wenn das Land vor der Mauer tot und braun war, so machte sich der Wechsel der Jahreszeiten doch bemerkbar. Der giftige Nebel lag tiefer in den Senken und morgens glänzte Raureif statt Tau an den Ästen toter Bäume. Selbst die gesunden Bäume Innerhalb der Festungsstadt würden bald ebenso kahl sein wie jene außerhalb der Mauer.

Angus stand oben auf der Mauer, einen Schritt versetzt hinter Hauptmann Shukov, die gerade mit einer der Wachen eine Liste verglich, auf der zahlreiche Namen und Nummern vermerkt waren. An und für sich war dies nichts ungewöhnliches, doch am Horizont näherten sich mehrere rot leuchtende Gestalten, zweifelsohne Rekruten, da sie ohne Pferde unterwegs waren. Je näher der Trupp zum Tor kam, um so angespannter wurde die Stimmung. Als sie noch etwa tausend Meter entfernt waren, wurden riesige Balken bewegt um das Tor fest zu verschließen. Noch achthundert Meter. Schützen begaben sich auf Positionen zwischen den Zinnen. Fünfhundert Meter Entfernung. Gewehre wurden gemächlich geladen und entsichert. Dreihundert Meter. Die großen Ballisten wurden bemannt und langsam ausgerichtet. Angus spürte, wie sich seine Eingeweide verknoteten. Er wusste was gleich passieren würde.

Als der Trupp keine hundert Meter mehr entfernt war, gab Shukov einige kurze Handsignale und mit einer lauten Gewehrsalve erhob sich eine Wand aus Pulverdampf über den Zinnen der Schutzmauer. Das bekannte Pfeifen erfüllte einen kurzen Moment die Luft, dann das Geräusch des Aufpralls hier und da, was Angus kaum merklich zusammenzucken ließ. Nur für einen kurzen Moment zerrissen Schreie die Stille vor dem Tor, dann war es vorbei. Er hielt unwillkürlich die Luft an als der Qualm von einer aufkommenden Brise verteilt wurde und den Blick frei gab auf einen Haufen rot Gerüsteter, welche kreuz und quer mit teils grotesk verdrehten Gliedmaßen auf dem Boden lagen und sich nicht mehr rührten.

Das Tor wurde geöffnet und mehrere Kreuzfahrer gingen zu den Leichen, um Rüstungen und andere verwertbare Gegenstände der Gefallenen zu sammeln und die Leichen schließlich in nahen Gruben zu verbrennen. Zu groß war sonst das Risiko dass sich die Toten erneut erhoben und so kurz vor dem Tor wäre das mehr als fatal gewesen.

Hauptmann Shukov strich mehrere Zeilen auf der Liste durch, reichte sie einem der Wachen und wand sich zu ihrem Schützling, ihm direkt in die Augen blickend. Ihr Blick war beobachtend und berechnend.

„Findest du es ungerecht?“ fragte sie ihn.

Angus stand in üblicher Hab-Acht-Haltung vor ihr, die Hände auf dem Rücken verschränkt. Er schüttelte leicht den Kopf, darauf bedacht sich nichts anmerken zu lassen.

„Nein, Ma'am.“

„Gut.“

Sie nickte und ohne ein weiteres Wort ging sie nach unten. Er folgte ihr schweigend und vermied es zu den aufsteigenden Rauchsäulen vor der Mauer zu blicken. Er hasste die Mauer. Er hasste das surrende Geräusch der Pfeile, das metallische Schlagen der treffenden Spitzen, das dumpfe Schnappen der Ballisten, wenn sie ihre tödliche Munition dem eigenen Wappen entgegen schleuderten. Aber er hatte auch die Fakten gehört. Kannte die Zahlen. Er wusste dass es keine andere Lösung gab, denn ironischerweise war ausgerechnet der immer noch anhaltende Flüchtlingsstrom sowohl eine scheinbar unendliche Quelle an neuen Rekruten für den Kreuzzug als auch eines der Hauptprobleme von Tyrs Hand.

Erst vor einigen Tagen war es das Hauptthema in einer der regelmäßigen Offiziersbesprechungen gewesen, an denen auch Angus hin und wieder als schweigender Schatten von Natasi Shukov teilnahm. Zwar boten die Flüchtlinge ausreichend Ersatz für gefallene Kreuzfahrer, doch dauerte es lange bis sie fertig ausgebildet waren und zudem fanden sich immer öfter Infizierte in den Reihen der Zivilisten, die hustend und von Fieberattacken gebeutelt um Aufnahme baten. Das Risiko, die Seuche in die Stadt zu bekommen, wurde immer größer. Die Quarantäne war gnadenlos überlastet und es gab weit aus mehr Rekruten als Verpflegung. Zudem war ein nicht zu unterschätzender Bruchteil der Rekruten auf kurz oder lang untauglich für den Dienst im Kreuzzug und somit unter dem Strich eine reine Ressourcenverschwendung.

Die Lösung des Problems war eine simple Rechnung, welche auf jener Besprechung beschlossen worden war. Durch das Ausmustern der schwachen Rekruten wurden deren Rationen frei, was der Moral und Kampfkraft der tauglichen Rekruten zu Gute kam. Die Ausmusterung würde über Einsätze geschehen, die nötig, aber ein Suizidkommando waren. So wie die zurückgekehrten Rekruten eben vor dem Tor ausgemustert worden waren.

Die Feuer waren noch nicht ganz erloschen als am nächsten Morgen bereits die nächsten Flüchtlinge vor dem Tor standen. Ein Haufen ausgemergelter Burschen mit Dreschflegeln und Mistgabeln, in deren Mitte zwei blonde junge Frauen standen, die ihre Arme schützend um kleine Bündel geschlungen hatten.

„Na groooßartig.“

Elisabeth von Richwin stand neben Angus und reckte den Hals um besser über die Brüstung hinweg den Empfang der kleinen Gruppe beobachten zu können.

„Eine Handvoll Bauern und zwei Dirnen. Oh, und ein Krüppel.“

Sie rümpfte abfällig die Nase und deutete auf einen Mann in der Gruppe, dem zwei Finger an der rechten Hand fehlten.

„Licht will uns prüfen indem es uns das wertlose Gesocks von Lordaeron schickt. Wie wärs, Krüppel, ein neuer Freund für dich? Ihr habt euch bestimmt viel zu erzählen und vielleicht sogar was … auszutauschen.“

Angus' Blick folgte dem Fingerzeig und er runzelte die Stirn als er den Mann entdeckte. Das Fehlen der Finger war ein Grund, ja, aber kein Hindernis. Das wusste er nur zu gut aus eigener ähnlicher Erfahrung.

„Wenn man schätzt, was man hat, und nicht betrauert, was man nicht mehr hat, spielt es keine Rolle. Er kann tauglich sein.“

Elisabeth lachte laut auf, die Stimme voller Verbitterung und Spott und stemmte die Hände in die Seiten.

„Na gut zu wissen, dass du deinen dürren Hals noch schätzt, Dummkopf. Wobei...“ Sie schnalzte mit der Zunge und kniff ein Auge zu um einen frisch verheilten Schnitt an Angus' Kinn besonders kritisch zu betrachten. „So sehr scheinst du ihn nicht zu schätzen.“

Der Trupp Neulinge verschwand zwischen den engen Baracken und ein Pfiff von unten orderte Angus erneut an Shukovs Seite. Schon eine ganze Weile war sie dabei, ihm Gesten und Zeichen einzutrichtern, mit denen sich die Kommandierenden der Einsatztruppen wortlos mit den Wachen auf der Mauer verständigen konnten. Handzeichen, teilweise kaum von einem einfachen Kratzen am Kinn zu unterscheiden, aber für den Verständigen ein klares Signal. Für jede einzelne Position in einer Einheit gab eine spezielle Geste, ebenso für Eigenschaften wie „verwundet“ oder „infiziert“. Besonders das letzte Zeichen ließ es ihm wie Schuppen von den Augen fallen, warum Leutnant Melrache damals den Trupp weiter gen Tor getrieben hatte, trotz des ersten tödlichen Pfeils auf die eigenen Reihen und warum Shukov gewusst hatte, dass einige von ihnen infiziert gewesen waren.

Das Einbläuen der Gesten trieb Shukov auch während des täglichen Drills weiter. Regelmäßig signalisierte sie Angus Kommandos wie „Halt“ oder „nach rechts“, welche er entsprechend zu befolgen hatte. Gleichzeitig machte Elisabeth sich regelmäßig einen Spaß daraus, ihm auf diese Art mitzuteilen, dass seine Position eliminiert werden sollte.

Auf die gleiche Art wies sie ihn auch bei der nächsten Offiziersbesprechung an, herumzugehen und dafür zu sorgen, dass jeder mit Getränken versorgt war und sich ansonsten im Hintergrund zu halten.

Bis heute war er sich nicht absolut sicher ob sie wollte, dass er die Besprechungen hörte oder ob sie keinen unbekannten Rekruten als Diener in der Baracke haben wollte. Aber selbst wenn es nicht Absicht gewesen war, er konnte seinen Ohren nicht auf taub stellen, nur so tun, als höre er nichts. Doch das, was er damals gehört hatte, war Zunder für seinen Kampfwillen gewesen.

Es gab nur ein Thema. Corins Kreuzung musste zurückerobert werden. Der Kontakt mit den anderen Außenposten bedurfte dringender Stabilisierung. Die bekannten Nester der Geißel gehörten ausspioniert und, wenn möglich, zerstört. Die Diskussionen wurden lauter, je länger es darum ging, welche Einheiten für welche Aufgaben eingeteilt werden sollten. Alle waren sich in einem Punkt unumstößlich einig – es musste bald geschehen. Verharren und Warten war keine Option. Ebenso war es keine Option, die alten erfahrenen Kreuzfahrer auf Missionen zu senden, die nötig waren aber auch sehr wahrscheinlich mit dem Tod oder einer Infizierung und damit dem Tod bei Rückkehr endeten.

Die Stimmung auf der Versammlung war nur als explosiv zu bezeichnen. Hektische Diskussion, hin und her eilende Boten, die Nachrichten brachten und mitnahmen, Rascheln von ausgebreiteten Karten, das leise Schaben von hölzernen Figuren auf Pergament. Es war bereits weit nach Sonnenaufgang als man sich endlich auf eine Vorgehensweise geeinigt hatte. Und auf ein Datum. In wenigen Tagen, zu Vollmond, würde man zuschlagen. Vier Bataillone sollten ausrücken, fast anderthalbtausend Mann Kampfstärke. Ein Anblick, der allein schon genügen würde, Zweifler und Kultisten zu verjagen und der eines klar machte: Der Scharlachrote Kreuzzug würde sich holen, was genommen worden war. Für Lordaeron! Für die Lebenden! Und Shukovs 13. Bataillon würde an der Spitze mitmarschieren.

Nach einem kargen Frühstück rief Shukov ihre beiden Schützlinge zu sich und teilte sie ein. Elisabeth würde das 13. begleiten und mit den Soldaten eine taugliche Schlachtlinie mit Eberkopf formen. Das selbstgefällige Grinsen, dass sich beim Hören dieser Anweisung in ihrem Gesicht ausbreitete, wirke so grotesk dass Angus kurz befürchte, sie habe einen Krampfanfall. Ohne Zweifel war sie mehr als zufrieden mit dieser Einteilung. Dann blickte Shukov zu Angus und er straffte die Schultern in Erwartung seiner Zuteilung. Sein Herz machte innerlich einen Freudensprung als sie ihm sagte, dass er an ihrer Seite bleiben würde, an der Spitze des Bataillons. Und um seine Freude noch zu erhöhen sanken proportional zu seinen guten Nachrichten die Mundwinkel von Elisabeth auf fast Kinnlinie. Ganz offenbar hatte sie damit nicht gerechnet und auch er nicht, denn Shukov war noch nicht fertig mit ihm. Die kommenden Tage, so erklärte sie, würde er sie auf der Mauer vertreten da sie mit den Vorbereitungen für den Feldzug zu viel zu tun hatte, um sich auch noch um diese Angelegenheit zu kümmern. Er spürte wie sich ein Kloß in seinem Hals bildete, ihm die Luft abschnürte und ein Reden verhinderte, also nickte er nur schweigend. Was hätte er auch anderes tun sollen als zuzustimmen.

Als nächstes ließ Shukov ihr Bataillon antreten und musterte die Reihen. Viele von ihnen waren gute Kämpfer, erfahrene Kreuzfahrer, aber einige von ihnen waren frische Rekruten, die in ihren Rüstungen regelrecht verloren und am falschen Platz wirkten. Mit wenigen Worten erklärte Shukov die Situation und stellte ein Einsatzkommando zusammen, welches in der kommenden Stunde noch ausrücken sollte um Signalfeuer auf einem der entfernten Wachtürme zu entzünden, als Zeichen für die anderen Posten des Kreuzzugs für den bald stattfindenden Angriff. Die ausgewählten Neulinge sollten sich beweisen, dass sie es wert waren, im 13. zu dienen. Jeder von ihnen salutierte und eilte, sich für den Einsatz fertig zu machen. Es gab keine Erklärungen, warum keine Erfahrenen dabei waren. Wozu auch - der Scharlachrote Kreuzzug befahl, die Rekruten hatten zu gehorchen. Es gab keine Gespräche darüber warum jene, die geschickt wurden, nie zurückkamen. Wozu auch - wer heimkehrte wurde zum Kreuzfahrer vereidigt und wer zum Kreuzfahrer vereidigt wurde, hatte mit den Rekruten nichts mehr zu schaffen, außer man war Ausbilder.

Shukov blickte gen Angus und nickte ihm knapp zu. Er wusste was er mit den Neulingen zu tun hatte. Schweigend salutierte auch er und ging zurück auf seinen neuen Posten, auf die Mauer von Tyrs Hand. Kurz darauf öffneten sich auch schon die Tore für den Missionstrupp. Angus spürte wie sich ihm die Nackenhaare aufstellten. Keiner von denen würde zurückkehren denn die Mission führte sie tief ins feindliche Gebiet. Mit verdammt viel Glück würden sie gerade so beim alten Wachturm ankommen um das Feuer zu entzünden, wenn überhaupt.

Der Rest des Tages war erfüllt mit Vorbereitungen für eine große Schlacht einer immensen Armee. Die Stadt brodelte und kochte und wie hunderte rote Ameisen eilten Kreuzfahrer zwischen den Baracken und Straßen hin und her. Außerhalb der Mauer blieb es hingegen still, wie die Ruhe vor einem gewaltigen Sturm. Niemand wurde erwartet, niemand kam nach Tyrs Hand, niemand bat um Einlass, und Angus war dankbar dafür.

Wenn er so darüber nachdachte war es eigentlich unwahrscheinlich, dass Shukov damals nicht gemerkt hatte, wie er sich fühlte. Im Nachhinein wusste er zumindest wohin es ihn geführt hatte, aber war es damals wirklich klar gewesen? Hatte sie ihn so gut einschätzen können? Wenn, dann hatte sie es bereits gewusst, als sie ihn damit beauftragt hatte.

Am nächsten Tag kam ein Trupp rot gerüsteter Reiter aus Richtung Norden und hielt direkt auf Tyrs Hand zu. Die Schlachtrösser stapften entschlossen über das tote Gras. Die Reiter wahrten so gut wie möglich die Formation. Etwas voran der Anführer, in der Mitte wurde jedoch einer von zwei Kameraden links und rechts im Sattel gestützt und am Ende war ein weiterer etwas zurückgefallen. In Angus' Kopf begann es zu rotieren. Waren die beiden verletzt? Oder sogar infiziert? Die erfahrenen Kreuzfahrer neigten dazu Infizierte in ihren Truppen selbst zu exekutieren ehe sie auch nur in der Nähe der Stadtmauer waren. Eine der Wachen reichte ihm die Liste, auf die Namen und Dienstnummern des Trupps standen. Angus überflog die Zeilen, blickte dann zu den Reitern und nickt. Zumindest waren sie vollzählig.

Die Blicke der Wachen auf der Mauer richteten sich langsam einer nach dem anderen auf Angus, auf Befehle wartend. Als wäre das nicht genug Aufmerksamkeit hörte er auch noch nur zu bekannte Schritte die Stufen heraufkommen bis sie neben ihm stehen blieben und ein verdammt ungutes Gefühl beschlich ihn. Warum, Licht, warum um alles in der Welt, warum von allen in Tyrs Hand lebenden Menschen ausgerechnet sie. Elisabeth sagte nichts sondern stellte sich schweigend neben ihn, jede einzelne Bewegung von ihm genauestens beobachtend. Er konnte nur hoffen, dass sie ihm nicht in den Rücken fallen würde, aber im Moment war sie das kleinere Problem.

Noch blieb das große Tor verschlossen, denn der Anführer des Trupps hatte noch keine Zeichen gegeben. Die Reiter kamen näher und näher und es schien eine halbe Ewigkeit zu vergehen bis endlich die erlösende Geste kam, die um Einlass nach Tyrs Hand bat. Angus spürte wie sein Puls langsam schneller ging und sein Herz gefühlt einen Schlag aussetzte. Mit einem kurzen Wink gab Angus das Signal weiter und kurz darauf hörte man das tiefe Knarzen mächtiger Torflügel, welche langsam Stück für Stück geöffnet wurden. Der Trupp kam stetig näher, aber es erfolgten keine weiteren Zeichen, nichts über den Zustand der Leute. Nervosität breitete sich allmählich aus. War das Tor erst einmal weit genug offen, konnte man es nicht wieder rasch genug schließen, ehe die Reiter heran gewesen wären. Hier und da klickten leise Gewehre, die schussbereit gemacht wurden trotz fehlendem Befehls. Was würde Shukov an seiner Stelle tun?

„Bodkin“, knurrte Elisabeth leise, aber Angus reagierte nicht auf sie. Statt dessen verengte er die Augen und fixierte den Anführer des Reitertrupps. Wieso zeigte er nichts an? Hatte er etwas signalisiert und er selbst hatte es nur nicht gesehen? Hatte er im falschen Moment geblinzelt? Würden die Wachen schießen ohne sein Kommando?

„Bodkin!“

Elisabeths Stimme wurde etwas eindringlicher doch er wollte sich nicht von ihr ablenken lassen, dafür stand viel zu viel für alle auf dem Spiel. In dem Moment zuckte die Hand des Anführers hoch, signalisierte mit einigen kurzen Gesten deutlich drei Verletzte. Drei. Er sah nur zwei. Wo war der dritte? Noch immer dröhnten die Scharniere des Tores, welches sich weiter und weiter öffnete. Sein Blick huschte von einem zum anderen, während der Trupp näher und näher kam und bald schon keine hundert Meter mehr entfernt war. Wo war der dritte Verletzte? Die Pferde schienen alle intakt, der einzelne Mann am Ende, der eine, der gestützt wurde und sich mit blutenden, zuckenden Fingern an seinen Kameraden festhielt, immer wieder nachgreifend als würde er abrutschen und Angus vermutete, dass die Finger des Mannes gebrochen waren. Aber wo war der Dritte? Wo?

Schweiß perlte auf Angus' Stirn. Die Zeit lief ihm davon und er musste eine Entscheidung treffen, aber was wenn es die falsche war? Er konnte die Blicke der Wachen auf sich ruhen spüren die allesamt eine Anweisung von ihm erwarteten. Ohne hinzublicken gab Angus das Signal für drei Verletzte nach hinten. Einige Helfer vom Lazarettbereich, die bereits hinter dem Tor warteten, machten sich daraufhin bereit und gingen nach draußen um so schnell wie möglich einzugreifen und die Verletzten in Empfang zu nehmen.

„Wage es nicht, das Urteil des Lichts in Frage zu stellen“, hallten ihm die Worte von Hauptmann Shukov durch den Kopf.

Natürlich würde er das Urteil des Lichts nicht in Frage stellen. Doch... was war das Urteil? Wer fällte es? Konnte er so vermessen sein, es zu bestimmen?
Wieder und wieder blickte er über die Heimkehrer. Sie waren inzwischen schon so nah dass er bereits ihre Gesichter erkennen konnte. Die Gesichter! Einige der Reiter schauten immer wieder mit nervösen Blick auf.... ihren Anführer. Als machten sie sich Sorgen um ihn oder fürchteten etwas. Sein Blick schweifte von dem Anführer des Trupps auf den Verletzten in der Mitte, und auf dessen Hand. Die Finger gebrochen, doch er bewegte sie. Keiner würde das bei den Schmerzen tun, außer....

„Verdammtnochmal, Bodkin, bist du blind UND taub?!“

Angus spürte wie ihm der Herzschlag aussetzte, als ihn die Erkenntnis zeitgleich mit Elisabeths Worten wie ein Hammerschlag traf, doch es war zu spät. Ehe er reagieren konnte riss Elisabeth die Hand hoch und gab das Signal weiter, welches mit gebrochenen Fingern gegeben wurde.

Position Mitte.
Verletzt.
Position Ende.
Verletzt.
Position Vorn.

Infiziert.

Schlagartig wurden Gewehre angelegt und Ziele erfasst. Doch die Wachen auf der Mauer waren nicht die einzigen die ihre Zeichen sehen konnten. Elisabeths Hand war noch erhoben als der Signalisierte seinem Schlachtross die Sporen gab, direkt auf den nächstbesten Helfer zu, der bereits zu weit weg vom rettenden Tor war. Der Mann ließ sich aus dem Sattel auf den unglückseligen Kreuzfahrer stürzen und riss ihn um. Ein wildes rotes Knäuel rollte über das tote Gras, ehe es abrupt zum Stillstand kam mit einer blitzenden Klinge am Hals des Helfers, der augenblicklich erstarrte. Wie einen Schutzschild hielt er den Mann nun vor sich und zog ihn mit sich auf die Beine, während zwei Dutzend Gewehrläufe auf beide gerichtet waren und nur auf den entsprechenden Befehl warteten.

„Ich bin nicht infiziert!“ brüllte er heißer den Wachen entgegen. „Helft mir, bitte! Ich bin NICHT INFI....!“

Weiter kam er nicht. Mit einem scharfen Wink gab Elisabeth von Richwin das Signal zum Feuern und abermals erhob sich der Pulverdampf über der Mauer.

Angus stand da, wie ein Kaninchen vor der Schlange. Gelähmt vom Geschehen und unfähig, aktiv zu reagieren, geschweige denn einen Befehl zu geben. Er hörte das Kommando wie durch eine Wand aus Watte und sah den Kugelhagel auf den ausgebrochenen Reiter und seine Geisel niedergehen. Weitere Befehle wurden gebrüllt, die beiden Verletzten wurden akribisch geprüft ehe sie eingelassen wurden, der Rest wurde durch das Tor gescheucht und dort sofort in die Quarantäne geleitet.

Elisabeth knurrte Angus ein leises „Komm mit“ entgegen und ging die Treppe hinab. Schweigend folgte er. Er hatte kein Recht auf Widerworte, ja nicht einmal ein Recht sich darüber zu beschweren, dass sie das Kommando an sich gerissen hatte. Zielstrebig führte sie ihn durch das Tor hinaus zu den beiden Leichen, welche in einer immer größer werdenden Blutlache lagen. Erste Fliegen hatten sich bereits eingefunden, als wollten sie ja keine Sekunde vergeuden. Elisabeth hockte sich neben die Toten, tunkte den Handschuh einmal in das Rot, welches das Leben kennzeichnete, aber nun den Tod markierte.

„Das“, begann sie und erhob sich, „gehört hier hin!“

Sie packte Angus' Unterarm und schmierte ihm das Blut auf die Handfläche ehe er den Arm wegziehen konnte.

„Und jetzt räum' gefälligst deinen Dreck weg denn kein anderer wird es für dich tun!“

Ihre Stimme war nicht laut, dafür aber schneidend scharf, jedoch nicht von Wut als vielmehr von Enttäuschung. Und wenn sie schon enttäuscht war, was würde dann erst Shukov sagen? Was würde sie tun? Angus hatte das Gefühl als würde ihm der Boden unter den Füßen weggezogen. Er hatte versagt.

Er hatte Stunden damit zugebracht, die Toten aus ihren Rüstungen zu befreien. Stunden, in denen er in ihrem Blut stand und kniete, Stunden, in denen er durchschossene Plattenrüstung abschnallen und sammeln musste. Immer wieder rutschten seine Hände von den langsam erstarrenden Gliedmaßen, als er sie zu den Gruben zog um sie dort zu verbrennen. Entgegen seiner Befürchtung hatte Shukov nichts gesagt. Im Gegenteil, sie hatte ihn eine ganze Weile nur kühl angesehen und geschwiegen, ehe sie ein reserviertes „Hm.“ von sich gab, sich umwand und wieder an ihre Arbeit ging. Einen heftigeren Schlag ins Gesicht hätte sie ihm kaum erteilen können. Er verharrte wartend, ob sie nicht doch nicht etwas sagen oder tun würde, aber nichts.

Schließlich hatte Elisabeth ihn aus der Baracke geschoben und zur Seite gezogen. Jetzt war es tatsächlich Wut, die in ihren Augen funkelte, während sie ihn anstarrte.

„Geh gefälligst auf deinen Posten oder worauf wartest du“, fauchte sie ihn an. „Sie wird dir nicht den Arsch pudern, also geh, Krüppel, oder hast du verlernt wie es geht? Dann kannst du dich gleich mit draußen dazulegen!“

Mit ausgestrecktem Arm zeigte sie scharf in die Richtung, in der die Verbrennungsgruben lagen. Angus schluckte und blickte der Frau in die Augen, die ihn sogar fast überragte. Ihm lagen Worte auf der Zunge, aber er bracht sie einfach nicht über die Lippen. Würde er das falsche sagen, würde sie sich vermutlich an ihm abreagieren. Also tat er das einzige, was er gerade tun konnte. Er ging zurück auf seinen Posten, wieder auf die Mauer.

Ihm war alles andere als wohl dabei, wieder dort oben zu stehen. Er fürchtete die Blicke der Wachen, die stummen Vorwürfe über sein Versagen, das Getuschel hinter seinem Rücken, aber zu seiner Überraschung kam nichts dergleichen. Als wäre nichts geschehen reichten sie ihm die Liste und nach einem kurzen Studieren der Namen strich er eine Zeile durch, unterschrieb mit seinem Namen und setzte eine Anmerkung darunter über den Todesfall eines Lazaretthelfers.

Das Kratzen der Feder auf dem Papier hatte er nie vergessen. Es war das erste Mal gewesen, dass er seinen Namen unter ein offizielles Dokument gesetzt hatte. Und es war das letzte Mal gewesen, dass er einen Fehler unterzeichnete. Zumindest hatte er sich damals vorgenommen nie wieder einen zu begehen. Blauäugige Naivität, gewiss. Früher oder später wusste es jeder besser, aber der Wille war da gewesen und die Entschlossenheit ebenso. Nie wieder wollte er Shukov enttäuschen.

Spät in der Nacht starrten die Wachen von Tyrs Hand in vereintem Unglauben in Richtung Westen, wo sich weit weg am Horizont der Schein eines riesigen Feuers in den tiefhängenden Wolken spiegelte. Das Signalfeuer des Wachturms war entzündet worden. Der Rekrutentrupp hatte es also tatsächlich geschafft. Angus blickte über die wachhabenden Soldaten. Leises Gemurmel war zu hören, Vermutungen über das Wie und Vermutungen über die Rekruten. Eine gewisse Anerkennung für die Leistung schwang in ihren Worten mit.

Diese Nacht schlief er nicht wirklich. Ab und an hatte er für einige Minuten im Halbschlaf gedöst, während er mit dem Rücken gegen den kalten Stein gelehnt hatte, für mehr war keine Zeit und keine Ruhe. Er war zu angespannt, zu nervös, was sich auch am folgenden Tag nicht änderte. Wieder wurden Truppen nach draußen geschickt, wieder kamen welche zurück, doch diesmal achtete Angus penibel auf alle Gesten. Es funktionierte reibungslos und ein kleines bisschen war er auch stolz darauf, wäre da nicht der bittere Beigeschmack vom Disaster des Vortages.

Es war der Tag vor dem großen Angriff auf Corins Kreuzung. Der Ruf der Wachen ließ ihn aufschrecken, als sie die Sichtung eines Trupps Scharlachroter meldeten. Angus sprang auf die Füße und blickte zu dem besagten Punkt. Was er sah ließ ihm den Atem stocken. Es war tatsächlich der Trupp Rekruten, das das Feuer des Wachturms entzündet hatten und nicht nur das. Sie waren fast vollzählig. Noch waren sie zu weit weg um ihre genaue Zahl ausmachen zu können, doch kamen sie steten Schrittes näher. Wie zum Geier hatten sie das angestellt? Sie hätten eigentlich längst tot sein müssen.

Der Trupp war noch gut tausend Meter entfernt. Angus gab unmittelbar das Kommando das Tor zu verschließen und die Ballisten bereit zu machen. Ohne zu zögern wurden die Anweisungen ausgeführt, die Schützen sammelten sich auf der Mauer und machten sich bereit. Noch achthundert Meter. Inzwischen waren die Heimkehrer mit bloßem Auge zu sehen. Sie gingen in loser Formation, neun von zwölf, einige gebeugt und sich gegenseitig stützend, andere mit Stöcken in der Hand zum Abstützen. Fünfhundert Meter. Auf eine morbide Art und Weise war es beruhigend zu wissen, dass der Einsatz nicht spurlos an ihnen vorbeigegangen war. Die gewaltigen Spannseile der Ballisten knarzten während die Maschinen bereit gemacht wurden und der Trupp keine dreihundert Meter mehr entfernt war. Angus vermied es, auf ihre Wappen zu blicken. Sie waren keine Lebenden, nur Tote, die noch nicht wussten, dass ihr Leben verwirkt war. Auf seinen Wink hin wurden Gewehre geladen und entsichert. Holz knarrte als die Maschinerie auf den Türmen ausgerichtet wurde.

Keine hundert Meter trennten die Rekruten noch von der Mauer von Tyrs Hand. Doch statt wie üblich weiter zu marschieren stockten sie plötzlich. Vermutlich war es der Anblick des noch immer verschlossenen Tores, welches sie hadern ließ. Da standen sie, wie Zielfiguren auf dem Übungsplatz. Angus schloss kurz die Augen und atmete tief durch, dann wand erbden Kopf zur Seite und blickte über die Schützen, die allesamt ihre Gewehre angelegt hatten und zielten. Die Finger lagen allesamt ruhig am Abzug, keiner zitterte, keiner zögerte. Als er sah dass einer der Schützen nur drei Finger an seiner rechten Hand hatte lief es ihm kalt über den Rücken. Der Mann hatte sich also doch als würdig erwiesen. Würdig, ausgerechnet auf jene zu feuern, mit denen er hierher gekommen war, die ihn geschützt hatten wie er sie geschütz...

Angus ballte die Faust und schlug mit ihr auf den kalten Stein der Brüstung.
Er hatte keine Zeit für solche Gedanken, noch hatte er das Recht auf solche Gedanken. Sie schützten diese Stadt. Sie schützten die Lebenden.

„Wage es nicht das Urteil des Lichts in Frage zu stellen“ raunte es ihm erneut im Kopf und Angus verstand.

Noch immer standen die Rekruten dort und waren etwas enger zusammengerückt. Eine blonde junge Frau hatte die Arme um sich geschlungen und blickte sich suchend immer wieder um, als vermisse sie etwas, oder jemanden. Angus erkannte sie als eine der damaligen Flüchtlinge, von der zweiten fehlte aber jede Spur. Einer der Rekruten machte nun mit Winken auf sich aufmerksam, falls man sie übersehen haben sollte. Angus hob die Hand zum sichtbaren Signal und konnte fast schon die Erleichterung in ihren Gesichtern sehen, die schlagartig in Entsetzen und Angst umschlug, als er den Arm scharf nach unten riss.

Er hasste das surrende Geräusch der Pfeile, das metallische Schlagen der treffenden Spitzen, das dumpfe Schnappen der Ballisten, wenn sie ihre tödliche Munition dem Wappen des Kreuzzugs entgegen schleuderten. Und er war dankbar für die Zielgenauigkeit der Schützen, die mit wenigen Schüssen die Stille brachten. Die Liste in seinen Händen zitterte leicht, aber keiner bemerkte es. Mit kratzender Feder strich er Namen für Namen durch. Bei den letzten beiden stutzte er. Vermutlich waren das die beiden blonden Frauen gewesen, die sich wie Schwestern geähnelt hatten. Nachdem er im Kopf den Nachnamen langsam vorgelesen hatte, strich er beide durch.

Eyrun Gudmundursdottír – Dienstnummer 352
Katla Gudmundursdottír – Dienstnummer 353

Die Wachen, welche die Leichen beseitigt hatten, kamen schon nach kurzer Zeit zurück. Die Rüstungen wurden weggebracht, die Waffen ebenso. Wämser, Stiefel, Gürtel... alles wurde weggebracht. Einer von ihnen lachte zu seinem Kameraden, der gerade den Karren schob, und quälte einige Töne aus einer metallenen Pfeife. Angus runzelte die Stirn und ging zu den beiden hinüber. Die Pfeife war von der Toten. Musiker. Mit einem Schnauben schüttelte Angus den Kopf und ließ sich von der Wache die Pfeife aushändigen.

Tatsächlich war er der Meinung, alles richtig gemacht zu haben und doch war ihm ein Fehler unterlaufen. So bemerkte er nicht, dass weit hinter der Gruppe noch etwas Rotes im toten Unterholz gehockt und gewartet hatte bis es in der Dunkelheit der Nacht davon gerannt war. Ein durchgestrichener Name auf einer Liste.

Die Ordensschwester stand direkt vor ihm und blickte ihn fragend an. Verdammt. Hatte sie ihn gegrüßt und er hatte es nicht gemerkt? Er nickte auf seine übliche reservierte Art, sie neigte den Kopf zum respektvollen Gruß. Ihre Haare fielen ihr ins gesicht und verdeckten das Brandmal auf ihrer Stirn, welches sie als Deserteurin des Kreuzzugs kennzeichnete.

„Ruhm im Glanze des Lichts, Bruder Bodkin.“

„Ruhm im Glanze des Lichts, Schwester“, erwiderte er den Gruß mit gleichem Respekt und sah ihr einen kurzen Moment lang nach als sie weiterging. Begegnet war er ihr das erste Mal vor sehr sehr langer Zeit, aber kennengelernt hatte er Eyrun Gudmundursdottir erst von gut einem Jahr.
_________________
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Shephard Angus Bodkin
Forscherliga



"Geißel der Zeloten"
Sir Marschall
<Scharlachrote Faust>

Beiträge: 2272

[ Charakterinfo ]
Titel: Verfasst am: 15. Mai 2014, 01:04 Beitrag  Diese Nachricht und die Folgenden als ungelesen markieren Antworten mit Zitat



Kapitel 4 - Teil 1

Schulter an Schulter standen sie vor ihm. Alle Ränge vom Ordensritter bis hinab zum Zeloten, Männer wie Frauen, kampferprobte Veteranen wie blutige Anfänger. Der Orden wurde bedroht und es galt der Bedrohung entgegen zu treten. Angus ging die Reihe der Versammelten ab, prüfte den Sitz der Rüstungen, die Festigkeit der Riemen, die Schärfe der Waffen. Die Rüstungen glänzten tiefrot, als das Sonnenlicht auf die Versammelten fiel, als wären sie in frisch vergossenes Blut getaucht worden. Ein Anblick, der sich regelmäßig wiederholte, wieder und wieder, so wie sich das wiederholte, das ihm folgte.

Stolz trugen sie ihre Wappenröcke, die rote Flamme auf reinweißem Untergrund, die ungebrochene Lebensflamme der Unschuldigen, während Hauptmann Shukov die Reihen des 13. Batallions abging und einen nach dem anderen ihre Einheit musterte, hier und da einen Riemen nachzog, aber alles in allem zufrieden wirkte.

Es war der große Tag. Der Tag, an dem die Lebenden Corins Kreuzung aus den Händen des Untodes reißen und zurückerobern würden. Ein gewaltiges Heer hatte sich hinter den Mauern von Tyrs Hand zusammengefunden und wartete dort auf den Befehl- den Befehl, sich in Bewegung zu versetzen, Vergeltung und Zorn des Lichts die Form eins massiven Hammers aus rotem Stahl zu geben.
Es war ein gigantisches Aufgebot für den heutigen Tag. Mehrere Bataillone waren mobilisiert, gefühlt tausende Kreuzfahrer blickten erwartungsvoll geradeaus, Veteranen der ersten Stunde Seite an Seite mit frischen Rekruten. Soweit das Auge blickte reihten sich Helm an Helm, Schild an Schild. Blanke Lanzenspitzen ragten stolz in den dunstverschleierten Himmel, geschulterte Gewehre mit aufgepflanzten Bajonetten blitzten wie ein Fischschwarm in einem klaren Bach durch das immertrüben Tageslicht der Pestländer. Und über dem Meer aus blankem Stahl wehten hoch, unbeschmutzt und ungebrochen die Banner des Kreuzzugs, gepaart mit den Bannern des L von Lordaeron in leuchtendem Rot.

Angus stand eingereiht zwischen den Schildträgern. Er spürte einen unglaublichen Stolz in sich, hier und jetzt seinen Teil beitragen zu können, seine gefallenen Kameraden in Corins Kreuzung rächen zu können, ein Teil der gewaltigen Kampfmaschinerie des Scharlachroten Kreuzzuges sein zu können, die an diesem Tag den Sieg über den Untod davontragen würde. Zweifel daran kannte er nicht.

Die Offiziere schritten durch die Reihen, nimmermüde zu prüfen und zu korrigieren, bis endlich das Ende der Musterung signalisiert wurde. Dutzende von Priestern traten auf den Platz, gefolgt von würdevoll Weihrauch verbreitenden Zeloten. Mit lauten, energischen Stimmen sprachen sie ihre Segnungen über die Versammelten, schürten den Kampfwillen und die Bereitschaft, den eisernen Willen, alles zu geben, und sei es der letzte Tropfen Blut. Von Stolz und Mut erfüllte Kehlen schrieen unisono die Tugenden des Kreuzzugs in den blutig bewölkten Himmel, so laut, dass man meinen könnte, man höre die Rufe bis nach Corins Kreuzung, wenn nicht sogar bis zur Königsstadt. Fanfaren ertönten und verkündeten, dass es nun nur noch wenige Augenblicke dauern konnte, bis sich die Tore öffnen und eine rote Flutwelle freigeben würden, um sie sich unaufhaltsam ihren Weg bahnen zu lassen.

Mit dem gleichen Stolz stand nun die 3. Lanze der Scharlachroten Faust vor ihm, Entschlossenheit und Siegeswillen im Blick. Im Angesicht eines Feindes, der den Orden bedrohte und bereits Todesopfer gefordert hatte. Zweifel kannte keiner von ihnen, nur die absolute Gewissheit, dass der Orden als Sieger aus diesem Kampf hervorgehen würde. Einen kurzen Moment blieb er vor Ordensdiener Skarssen stehen. Manchmal spielte einem das Schicksal schon seltsame Karten zu.

Angus wagte einen Seitenblick über die anderen Gruppen. Er hatte bisher kaum mit anderen Truppen zu tun gehabt, denn Einsätze wurden für gewöhnlich innerhalb des gleichen Bataillons durchgeführt. Und doch es gab eine Gruppe, die wie ein Leuchtfeuer in der Nacht die Gleichförmigkeit der Reihen durchbrach und stets die Blicke der Anwesenden anzog – die Paladine des Kreuzzugs. An ihren prächtigen Rüstungen wehten geweihte Siegel, Schriftbänder und Bannsprüche, die ihnen fast übermenschliche Kräfte verliehen und sie noch im grausamsten Gefecht am Leben hielten, so sagte man sich. Die gewaltigen Waffen, die sie vor sich abgestützt hatten, um die Segen zu empfangen, wirkten wie den alten Heldensagen entsprungen. Ihre Gesichter waren ernst und konsterniert während die gepanzerten Schlachtrösser hinter ihnen nur zu gut ihre Gemüter widerspiegelten und ungeduldig mit den Hufen scharrten, um sich endlich in den Kampf stürzen zu können. Angus stutzte einen Moment, als er einen Mann zwischen ihren Reihen sah, der zusätzlich noch um die Hüfte zwei Pistolengurte trug. Es brauchte einen Moment ehe es ihm dämmerte dass der Mann zweifelsohne zur Flotte gehörte. Bis dato hatte er nicht mal gewusst, dass es auch dort Paladine gab.

Noch etwas weiter sah er die Gruppen der Artillerie mit ihren mobilen Geschützen, deren Geschosse mühelos die Wand eines Hauses zu durchschlagen vermochten, aber noch ehe er die Maschinerie genauer betrachten konnte alarmierte ihn ein hastiges Zischen neben ihm, die Aufmerksamkeit wieder nach vorn zu richten. Direkt neben ihm stand Elisabeth von Richwin, auf Hauptmann Shukovs direkte Anweisung hin. Angus würde mit ihr in der gleichen Gruppe bleiben wenn es ins Gefecht ging und seit Shukov ihn mit dieser Entscheidung konfrontiert hatte fragte er sich, ob die Anweisung gut oder schlecht war.

Der durchdringende Ton eines einzelnen Signalhorns ließ die Massen von einem Augenblick auf den nächsten verstummen und ein gespenstisches Schweigen breitete sich aus. Die Offiziere sammelten sich zur Heeresführung. Mit einem dumpfen Knarzen öffneten sich die riesigen Tore von Tyrs Hand und gaben den Weg frei. Es war soweit. Der Gleichschritt der gepanzerten Stiefel hallte wie immerwährendes Donnergrollen über die Stadt.

Es war unwahrscheinlich, dass in Corins Kreuzung selbst es unbemerkt blieb, was sich da näherte. Im Gegensatz zu Angus' ersten Einsatz dort dauerte es diesmal mehrere Tage ehe sich im fahltrüben Morgenlicht des dritten Tages die ersten fernen Dächer im Dunst abzeichneten. Während des Marsches schien es immer wieder als würden dunkle Schatten in noch dunkleren Schatten in sicherer Distanz zu ihren Flanken entlang huschen- und tatsächlich hatten Plänkler bis zum Morgengrauen des dritten Tages ein gutes Dutzend untoter Späher ausgeschaltet.

Je näher sie kamen, um so offensichtlicher wurde der desolate Zustand des Ortes. Er war damals schon schwer von der Abwesenheit allen Lebens gezeichnet gewesen, aber nun war es eine wirkliche Hochburg der Geißel. Von einigen Gebäuden stand kaum noch mehr als die Grundmauern, schlammiges Wasser stand in halb überwucherten Pfützen und verbreiteten einen süßlich fauligen Geruch. Zwischen den Ruinen bewegten sich steif und ungelenk die Silhouetten unzähliger Ghule und anderer Kreaturen, gemischt mit den menschlich elegant fließenden Bewegungen lebender Verräter, die sich den dunklen Kulten verschrieben hatten. Am Anfang hätte man ihre Zahlen noch auf wenige Hundert schätzen können, doch je näher man Corins Kreuzung kam, um so klarer wurde, dass es nur mit Mühe gelingen würde, einen Flecken Erde zu finden, auf dem nicht ein Ghul, ein Skelett oder sonst eine Geißelschöpfung stand oder kroch.

Da war es wieder. Dieses berauschende Gefühl vor der Schlacht, das sein Herz schneller schlagen ließ und seine Sinne schärfte. Gebannt verfolgte Angus die Szenerie und blickte rasch vom einen Ende der Frontlinie zum anderen, immer hin und her, um so viel des Geschehens zu erfassen wie nur irgend möglich. Kommandos wurden geschrien, Formationen wurden geändert. Das Bataillon direkt vor ihnen übernahm den ersten Ansturm, das 13. unter Shukov wurde zusammen mit dem nachfolgenden Bataillon für die Flanken eingeteilt. Präzise wie ein Uhrwerk fächerten sich die Gruppen auf um den Ort so zu umschließen und einzukesseln. Die Artillerie war bereits ausgeschweift und bezog ihre Positionen auf den umliegenden Hügeln.

Vom Ort her hörte man ein immer wilder anschwellendes Fauchen und Jaulen, bis der aus scheinbar tausenden Kehlen in das verfaulte Land schallende Schlachtruf des Kreuzzugs es übertönte. Die Schlacht brach los, brachial und unwirklich schnell. Ein Sturm aus Zähnen, Klauen und schwarzen Fleischbrocken stürmte gegen die rot glänzenden Reihen wie Wasser aus einem geborstenen Damm. Die Mitte des Heeres stemmte sich dem Ansturm entgegen, während die Flanken sich weiter verteilten, um wie zwei gigantische Scheren die Kadaver zu umklammern und aufzureiben. Artilleriefeuer ließ den Himmel über ihnen explodieren und mehrere Volltreffer rissen Lücken in die Reihen der Feinde, doch binnen weniger Augenblicke wurden diese von nachrückenden Untoten wieder geschlossen, als wären sie eine zähflüssige Masse. Wo immer die Brüder und Schwestern der Paladine in den Reihen standen, dort schossen feurig gleißende Lichtsäulen aus dem Himmel in die untote Menge hinab, unvermeidlich gefolgt vom Kreischen unmenschlicher Kehlen, voller ohnmächtiger Wut und Pein.

Schild an Schild stehend schlossen sie den Kreis immer enger um die untoten Heerscharen. Ghule und Zombies sprangen ihnen wütend entgegen und schlugen mit ihren Klauen blind auf die Streiter in rot ein. Ein Stoß mit dem Schild schlug die Klauen wuchtig zur Seite weg und zwei gezielte Schwerthiebe zertrennten den Rest des fauligen Körpers. Wieder ein Schritt vor!

Eine Handvoll Ghule stürmten ihnen entgegen, rostige Kettenhemden noch an den Leibern, schartige Klingen in den verdrehten Klauen. Sie stemmten sich ihnen mit den Schilden voran entgegen und ließen sie wie eine Welle gegen rote Felsen branden, ehe sie zum Konter ansetzen. Stahl durchtrennte Knochen und Fleisch als wäre es warme Butter. Hier und dort setzte ein gezielter Hieb eines Morgensterns dem Gegner ein Ende, der mit zerschlagenem Schädel zu Boden ging. Wieder ein Schritt vor!

Wütendes Gebrüll ballte sich zu einem Sturm zusammen und erneut schlug ihnen eine Welle untoten Fleisches entgegen, die versuchte, aus der Falle auszubrechen oder sie einfach nur blindwütig niederzumetzeln. Es waren Unzählige, die zwischen den Überresten der bereits gefallenen wieder aufstanden und sich ihnen erneut entgegen warfen, zusammen mit jenen, die scheinbar unendlich zwischen den Ruinen der Stadt hervorquollen. Ein kräftiger Stoß von der Seite riss Angus beinah von den Füßen- gerade noch rechtzeitig, um den Schlag eines Zombies zu entkommen der sich in seinem toten Winkel genähert hatte und dessen Klinge gerade von Elisabeths Schwert gebunden wurde. Angus blieb halb geduckt und riss den Schild in einem weiten Schwung herum, der durch die Gebeine des Untoten krachte und ihn zu Boden gehen ließ. Mit einem gezielten Tritt setzte der Kamerad neben Angus der Existenz des Dinges ein Ende und verzog nur kurz angewidert das Gesicht über die graubraune Masse auf seinem Stiefel, ehe er breit unter dem Helm grinste. Ohne ein Wort schubste Elisabeth Angus wieder an seine Position, der gerade noch rechtzeitig den Schild zur Abwehr eines neuen Angreifers heben konnte. Ein resoluter Hieb der Schildkante trennte den Kopf vom Rumpf und ließ den Torso zusammenfallen. Wieder ein Schritt vor!

Meter und Meter kämpften sie sich voran gegen eine scheinbar unendliche Masse. Angus spürte jeden Treffer auf dem Schild als dumpfes Dröhnen durch den gesamten Arm und er merkte wie das Schwert in seiner Hand begann, immer schwerer zu werden. Der Schweiß in den Gesichtern seiner Kameraden verriet, dass es jenen nicht anders ging. Wieder ein Schritt vor!

Erneut rummste es hinter ihnen. „RUNTER!“ brüllte jemand aus vollen Lungen und das keine Sekunde zu früh. Wieder und wieder schlugen die Geschosse der Artillerie um sie herum ein und schleuderten Steine, Dreck und versprengte Reste von Untoten meterweit. Den kurzen Moment nutzend blickte Angus nach links und rechts. Die anderen Gruppen waren bereits mehrere Schritte weiter vor ihnen. Sie mussten aufholen oder sie wurden zu einer gefährlichen Lücke in der Flanke.

Der Kampf um Corins Kreuzung schien damals zunächst wirklich recht schnell fortzuschreiten ohne Zweifel daran, dass der Kreuzzug mit seinen roten Bannern noch am gleichen Abend als Sieger im Ort verbleiben würde. Doch dass es nicht ganz so einfach werden würde war ihnen kurz darauf klar geworden- und dass der Preis zum Überleben verdammt hoch sein würde.

Erneut feuerten die Artilleriegeschütze in ihrem Rücken, ertönte das vertraute Pfeifen der Kugeln, die jedoch, statt in das Hauptfeld der Untoten zu landen, in einem viel zu flachen Bogen knapp vor den eigenen Truppen in den Boden einschlugen und zersplitternde Steine zu tödlich scharfen Schrapnellen für beide Seiten machten. Ein Aufschrei ging durch die Front als mehrere roten Helme unter einer graubrauen Masse aus Ghulleibern verschwanden. Die nächsten Geschosse wurden abgefeuert und diesmal trafen sie mitten in die Kämpfer des vordersten Bataillons. Die Frontlinie begann zu wanken.

Elisabeth schob Angus mit einem kräftigen Ruck zur Seite als hinter ihnen wieder die Geschütze donnerten.

„Runter!“ brüllte sie noch und riss ihn mit zu Boden während die anderen der Gruppe ebenso in Deckung gingen. Wenige Augenblicke später hagelte es Steine und Dreck auf sie hinab, zusammen mit den panischen Schmerzensschreien der Kameraden, die weiter vorn gekämpft und die volle Wucht des Einschlags abbekommen hatten. Angus konnte spüren, wie der Boden unter ihm bei jedem Abschuss und jedem Einschlag erbebte. Er hob den Kopf ein wenig aus dem Dreck um etwas sehen zu können und wünschte sich im nächsten Moment, er hätte es nicht getan.

Die Gruppe neben ihnen gab es nicht mehr. Statt dessen klaffte dort ein tiefer Krater im Boden, gesäumt von Resten roter Rüstungen und ihrer Träger, von denen einige sich sogar noch bewegten. Die Bresche klaffte im 13. Bataillon wie ein fauliges Geschwür. Ein Blick zur gegenüberliegenden Flanke des Schlachtfeldes machte klar, dass es dort noch schlimmer stand. Sie war fast vollständig zusammengeschoben und wurde hinab zu den Untoten vor dem Hauptfeld gedrängt, wo die Kreuzfahrer zwischen den Untoten Massen eingekeilt und Trupp für Trupp wie eine reife Frucht zerquetscht werden würde.

„Sie sind hinter unseren Linien“, hörte er einen seiner Kameraden zu Elisabeth sagen, die mit zusammengekniffenem Mund nur nickte. Ihr Blick schine Shukov zu suchen, die irgendwo dort drüben sein musste. Frustriert knurrend schaute Elisabeth über ihre Leute und warf dann einen kurzer Blick nach hinten. Die Artillerie befand sich noch immer auf ihren Posten, aber die am Boden liegenden rot Gerüsteten machten rasch klar, warum die Geschosse die eigenen Leute trafen. Hinter den Maschinen sah man dutzende und aberdutzende von staksigen Leibern die letzten Verteidiger niedermetzeln.

„Wir haben sie doch eingekesselt. Wie konnte das passieren?“ fragte einer ihrer Brüder, mehr ärgerlich als wirklich neugierig auf eine strategische Analyse.

„Indem sie uns ebenso einkesseln.“ Elisabeth klang vollkommen ruhig und gefasst, als würde sie das um sie herum Geschehende nicht berühren, ihr Blick wieder auf das Hauptfeld fixiert. „Wir müssen zum Rest vom 13. und die anderen unterstützen. Die Flanken sind verloren.“

Keiner wagte ihr zu widersprechen, wusste doch jeder, dass sie recht hatte. Die Strecke bis zum Hauptfeld waren keine achthundert Meter und doch schien es so weit entfernt wie das Ende der Welt. Elisabeth gab die entsprechenden Kommandos und in einer Feuerpause der Artillerie setzten sie zum Sprint an. Als habe man sie erwartet erhob sich ein erbostes Gekreische, wohl zornig darüber, dass noch immer einige dieser roten Rüstungen frei und lebendig herumliefen und noch nicht aufgehalten waren. Leicht geduckt, die Schilde zum Schutz über die Köpfe erhoben, hetzte der Trupp über die Leichen ihrer Kameraden wie über die Überreste der Untoten hinweg auf das Hauptfeld zu, das zusehends schrumpfte und Unterstützung von außen dringend brauchte.

Sie waren nicht einmal auf der halben Strecke, als sich ein gigantischer bleicher Flecken vor ihnen aufbaute und ihnen entgegen stürmte. Der Anblick der Kreatur ließ Angus das Blut in den Adern gefrieren. Er hatte in den wenigen Jahren, seit die Seuche das Land überzogen hatte, schon so einiges gesehen, aber diese Ausgeburt der Todesmaschinerie der Geißel spottete mit seinem wahnhaft tumben Grinsen grabsteingroßer Hauer jeder Begrifflichkeit von Schrecken. Das weißlich faulende Fleisch klaffte über dem aufgedunsenen Bauch einfach auf und bot bei jedem Schritt der kurzen dicken Beine den obszönen Anblick von hin und her schwappenden Gedärmen. Diese Kreatur war aus Leichenfetzen zusammengeschustert worden, wovon nicht letzt der aus dem Nacken sprießende dritte Arm zeugte, mit dem die Entartung eine mannsgroße Axt hielt. Es hielt direkt auf Gruppe zu und schwang die riesige Waffe scheinbar mühelos hin und her, während die anderen beiden Hände eine schwere eiserne Kette hielten mit einem zweifelsohne so spitzen wie scharfen Haken daran. Ein geradezu amüsiertes Glucksen und Grunzen von sich gebend hob das Ding die Kette und wirbelte sie in der Luft und holte Schwung während es immer weiter auf sie zu stampfte. Elisabeth reagierte binnen Sekunden. Sie gab das Kommando zur Verteidigung, Reihen wurden gebildet, die Schilde zum Wall formiert um den Angriff abzublocken, der keine drei Atemzüge später einschlug.

...Fortsetzung folgt
_________________
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Shephard Angus Bodkin
Forscherliga



"Geißel der Zeloten"
Sir Marschall
<Scharlachrote Faust>

Beiträge: 2272

[ Charakterinfo ]
Titel: Verfasst am: 15. Mai 2014, 01:07 Beitrag  Diese Nachricht und die Folgenden als ungelesen markieren Antworten mit Zitat

Kapitel 4 - Teil 2

Noch heute erinnerte sich Angus an das Gefühl des Einschlags, als wäre ihm der Arm abgerissen worden. Das Gefühl, als der Boden unter seinen Füßen auf einmal fehlte und ein Kribbeln durch seinen Magen ging, ehe ein harter Aufschlag in seiner Seite ihm die Luft aus den Lungen presste. Es war mit nichts zu vergleichen, nicht einmal mit einem direkten Treffer eines geweihten Paladinhammers.


Die Monstrosität hatte den Schildwall der Gruppe im wahrsten Sinne des Wortes weggefegt. Die Wucht, mit der die Kette samt Haken in die Reihe einschlug, ließ die Getroffenen ineinander krachen und riss mehrere von ihnen von den Beinen und schleuderte sie mehrere Meter weg. Der unglückliche Kamerad, der am äußersten Ende gestanden hatte, schrie zunächst noch aus Leibeskräften ehe er verstummte. Die Spitze des Hakens ragte aus seiner Brust und die Kreatur wirbelte ihn herum wie ein kleines Spielzeug an der Leine. Für zwei weitere von ihnen kam jede Hilfe zu spät. Der Einschlag hatte Schilde wie Rüstung eingedrückt und gefaltet, so dass sie sich durch Knochen und Fleisch rissen wie durch Papier.

Angus rang nach Luft während er auf dem Rücken lag und langsam nach Orientierung suchte, nicht sicher, was gerade passiert war. Neben ihm tauchte das Gesicht von Elisabeth auf, die ihn aus der Ferne dumpf anbrüllte, er solle gefälligst aufstehen. Seine Sicht war verschwommen, benebelt vom Aufprall. Alles wirkte so surreal und er war sich sicher, dass es sich um einen Alptraum handelte, dem er einfach durch Aufwachen entkommen konnte.

Ehe Angus etwas sagen konnte näherte sich erneut die Monstrosität und gab ein Geräusch von sich, das einem hämischen Lachen am nächsten kam. Gerade als es erneut die Arme hob um den nächsten Schlag zu setzen wurde es rücklings von einem Artillerieschlag getroffen. Das Geschoss durchschlug den Körper und klatschte aus den Eingeweiden heraus, ohne sichtbaren Schaden angerichtet zu haben. Schreie von der Seite zogen die Aufmerksamkeit der Kreatur auf sich.

Zwei Männer standen dort Schulter an Schulter und forderten offenbar die Monstrosität direkt heraus. Einer von ihnen im heiligen Ornat der Paladine, der andere in einer Uniform, die eher an die Marine denken ließ. Mit einem zufriedenen Lächeln wackelte die Kreatur mit dem Kopf, als würde es in Erkenntnis einer pervertierten Weisheit nicken und stapfte auf die beiden zu, noch immer den unglücklichen Kameraden von Angus' Gruppe am Haken. Elisabeth reagierte blitzschnell. Sie packte Angus' Arm um ihn auf die Beine zu zerren, als der Schmerz wie ein weißglühender Blitz durch seine Seite jagte. Er schrie auf, doch Elisabeth ließ nicht locker, zerrte weiter bis er schwankend stand.

„Auf die Beine, Krüppel! Du wirst mir hier nicht verrecken!“

Er spürte, wie heißes Blut an seiner Seite hinab rann und sein Puls mit jedem Herzschlag einem Fausthieb gleich gegen die geschundene Rüstung schlug, genau dort, wo das Metall tief eingedrückt worden war. Auf einen der nahen Geschosskrater deutend scheuchte Elisabeth die Verbliebenen der Gruppe über das Feld, um sich dort zu verstecken und aus der Schusslinie zu kommen. Sie drücken sich flach in den Dreck und warteten. Die Monstrosität hatte offenbar mehr Spaß mit ihrem neuen Spielzeug und das Interesse an ihnen verloren. Leichtes Aufatmen... und dann die Erkenntnis.

Sie lagen in einem Krater, mitten auf dem halb von der Geißel überrannten Schlachtfeld, wo sie sehr wahrscheinlich früher oder später entdeckt werden würden. Unter ihnen lag ein Gemisch aus blutgetränktem Geröll und roten Metallfetzen, die nur halb die Leichen all der Kameraden bedeckten, die durch den Einschlag ihr Leben gelassen hatten. Es lief Angus kalt den Rücken hinunter, als er merkte, dass ein Plattenstiefel, den er mit dem Fuß zur Seite schieben wollte, zu schwer war um leer zu sein und sich bewegte. Ein schmerzerfülltes Stöhnen war zu hören und mit Schrecken wurde ihm klar, dass in dem Haufen Schrott und Dreck noch immer einer der armen Hunde lebte, die hier vor kurzem noch gestanden hatten. So flach wie möglich an den Boden gedrückt schob Elisabeth Fetzen und Geröll von der Quelle des Stöhnens weg und tatsächlich kam der Kopf eines Kameraden zum Vorschein- oder das was davon übrig war, denn die linke Seite war schlicht und einfach nicht mehr vorhanden. Angus würgte, konnte sich gerade noch beherrschen. Er schloss die Augen und wandte den Kopf ab während Elisabeth dem unglücklichen Kameraden die Kehle durchschnitt und ihn von seinen Qualen erlöste. Ihr Blick huschte skeptisch zu Angus.

„Was?“, zischte sie barsch.

Er schüttelte nur den Kopf. „Nichts.“

„Soll ich ihn hier krepieren lassen wie ein Stück Vieh, statt ihm einen raschen Tod zu geben? Oder willst du ihn zusammennähen bis er aussieht wie eins von den Dingern?“

Ihr Kopfnicken in Richtung der Monstrosität war mehr als deutlich. Erneut schüttelte er den Kopf.

„Nein.“

„Dann tu verdammt nochmal was getan werden muss, Krüppel. Was dachtest du denn was es wird? Ein Spaziergang? Dass wir alle am Abend heimgehen und uns dumm und dämlich saufen in unserem Ruhm?“

Er schwieg. Wieder feuerte die Artillerie und nicht weit von ihnen schossen Splitterfontänen aus dem Boden, wo die Geschosse einschlugen. Der Boden erzitterte und ließ ihn nach Luft schnappen. Einer der Kameraden robbte zu ihm und untersuchte die seine blutende Seite, doch schüttelte er nur den Kopf.

„Lass es so. So stützt die Rüstung und stopft das Loch.“

Ein kameradschaftlicher Klaps gegen den Helm, ein leichter Klopfer auf die Schulter zur Aufmunterung. Dann der nächste Einschlag, diesmal deutlich von ihnen entfernt, Richtung Hauptfeld. Ein Blick in den dunstigen Himmel machte deutlich, dass es gegen Mittag sein musste. Bis zur Dämmerung hatten sie noch Zeit, wegzukommen. Danach wären ihre Chancen gleich Null.

Mit gedämpfter Stimme beriet sich Elisabeth mit zwei der Anderen. Aus ihrer Gestik und Mimik war deutlich, dass sie diverse Möglichkeiten durchsprachen, aber offenbar keine davon sonderlich vielversprechend war. Während sie diskutierten erhob sich langsam ein tiefes Murmeln, dumpf und erdig, nicht von dieser Welt. Das Gespräch verstummte und sie hielten inne, lauschten, während das Raunen immer schärfer wurde und näher kam, begleitet von einem Schlurfen und Schleifen.

Ein leichter Ruck ging durch den Boden. Noch einer. Dann wieder. Zunächst dachten sie noch, es wäre wieder ein Einschlag der Artillerie und sie hätten das Feuer nur nicht gehört. Dreck rieselte von den Rändern des Kraters herab. Die Nervosität war greifbar und schlug in Panik um, als sich die Toten unter ihnen zu regen begannen. Hier zuckte ein Arm, dort bewegte sich ein halbes Bein, eine aufgerissene Kehle seufzte erschöpft. Die Luft stank bestialisch nach Verwesung und schwarzer Magie, als die Gefallenen sich langsam erhoben.


Angus starrte auf den Kopf des Kameraden, dem Elisabeth die Kehle durchschnitten hatte und der ihm nun sein verbliebenes Auge zuwandte. Für einen kurzen Moment war noch Klarheit in dem Blick, dann brach ein Schleier darüber und alles menschliche war wie weggefegt. Eine verbrannte Hand hob sich zitternd aus dem Dreck und versuchte ihn zu packen. Ein kurzer Blick zu den anderen verriet, dass es ihnen nicht anders ging. Der Boden unter ihnen, gemischt aus Dreck und Blut ihrer Kameraden, begann sich zu regen. Im Liegen war kein Platz, das Schwert zu heben, geschweige denn es richtig zu führen. Kurzerhand nahm Anugs den Schild, kniff die Augen zu und warf sich mit seinem Gewicht auf den Untoten, dessen restlicher Schädel wie eine überreife Melone zerplatzte. Übelkeit verkrampfte seinen Magen und stieß bitter auf. Nur nicht übergeben, dachte er. Gib ihr nicht den Triumph dich zu übergeben. Aber sein Magen war stärker als sein Wille.

Beschämt schaute er zu Elisabeth die gerade mit einem wuchtigen Schwerthieb einen Erstandenen enthauptete und er wie eine Marionette mit durchtrennten Fäden zu Boden sackte. Sie hatte seinen Moment der Schwäche nicht bemerkt, und das war auch gut so.

Das Murmeln erfüllte die Luft wie das kollektive Summen eines gewaltigen Insektenschwarms. Einer ihrer Gruppe deutete über den Rand des Kraters hinweg auf eine Gestalt in langen dunklen Roben. In den blassen Händen hielt das, was einmal ein Mensch gewesen sein mochte, einen langen schwarzen Stab, der mit zahlreichen Schädeln verschiedenster Herkunft und Größe behangen war. Sein Gesicht sah man nicht, wohl aber seine langen knöchernen Finger, die sich gerade direkt auf sie richteten. Wie auf Kommando drehten sich die Ghule und Zombies in ihrer Nähe um und rannten mit wütendem Gekreische auf den Krater zu.

Mit etwas zitterigen Beinen rappelte sich Angus hoch und nahm seinen Platz im Schildwall ein, der sich binnen weniger Augenblicke formierte. Sie formten einen Fuß tief im Krater stehend einen Kreis und warteten den Aufprall ab. Es war ein wildes Gemetzel. Einzelne Untote stürzten übereinander und versuchten den Schildwall zu überklettern und den Wall aus der Mitte heraus zu zerreißen, während die Masse der Kreaturen blindwütig gegen den dichten Ring der zerkratzten Schilde anrannte und davon abprallte. Die Schwerter der Kreuzfahrer sausten durch die Luft und schlugen sich durch die sich immer höher auftürmenden Knochenhaufen. Mechanisch, wie in Trance, erfolgte Hieb um Hieb um Hieb. Schilde ließen die Angriffe abprallen, schoben stürzende Leiber zurück und schlugen ihre Kanten nicht minder scharf durch die Skelette, während die Schwerter den Rest erledigten.

Wieder ein Schlag von oben. Angus parierte ihn mit erhobenem Schild, doch noch ehe er mit dem Schwert zurückstach sah er aus den Augenwinkeln einen gewaltigen Schatten niedergehen und begriff, dass er einer Ablenkung aufgesessen war. Ohne zu überlegen warf er sich nach links gegen Elisabeth und riss sie vom Kraterrand weg mit sich auf den Boden. Eine mannsgroße Axt fraß sich in den rotgetränkten Boden, wo sie beide gerade noch gestanden hatten. Von zwei Schwerthieben von links und rechts zugleich gefällt brach der Ghul zusammen. Kommentarlos stand Elisabeth wieder auf, packte Angus am Arm und zerrte ihn auf die Beine, schob ihn zurück in die Reihe und wandte sich ihrem nächsten Feind zu.

Er wusste nicht mehr, wie lange sie sich dort in dem Krater verteidigten. Doch erinnerte er sich daran, dass Elisabeth ihn an diesem Tag das letzte Mal „Krüppel“ genannt hatte. Niemals wieder hatte sie den Moment im Krater angesprochen oder auch nur eine Erinnerung angedeutet, aber von diesem Tag an hatten sie Seite an Seite als Einheit gestanden und wussten: Sie konnten sich aufeiander verlassen.

Wie lange sie Welle um Welle zurückschlugen - wer wusste das schon. Es schien ein endloser Strom zu sein, der gegen sie anrannte, bis sich einer der Rotgerüsteten eine Bresche durch die Ghule schlug und dem Nekromanten seine Klinge in den Leib rammte. Die Diener des Hexers hatten augenblicklich ein neues Ziel und stürzten sich kreischend auf denjenigen, der ihren Herren bedrohte, doch zu spät. Als der Nekromant tot zusammensackt, verließ einen Großteil der Untoten um sie herum ebenfalls erneut alle Lebenskraft. Die wenigen, die noch standen, wurden von den nachstürmenden Kameraden erledigt bis sie alle nach Atem ringend knöcheltief in Fäule und Knochenresten standen.

Sie schauten sich um und sahen das kaum noch bestehende Hauptheer, nur noch hier und da aus größeren Grüppchen bestehend, die sich langsam in Richtung Ortsrand bewegten. Der Großteil ihrer Armee war schlicht und einfach nicht mehr da und nahezu lückenlos von einer weiterdrängenden Masse aus Ghulen und Zombies umgeben. Hier und da waren die Reihen der Geißel mit rot Gerüsteten verstärkt, die gnadenlos auf ihre ehemaligen Kameraden einschlugen. Die kaum sichtbare Scheibe der Sonne hatte inzwischen fast die Gipfel der Bergkette erreicht und es würde nicht mehr lange dauern, bis die Nacht zurückkehrte. Wenn sie Corins Kreuzung lebend verlassen wollten, dann jetzt oder nie.

Die Verschnaufpause währte nicht lange, denn die nächsten Untoten näherten sich bereits und im Gegensatz zu den Kreuzfahrern waren sie weder müde noch durstig. Laute Rufe drangen zu ihnen rüber, unmissverständliche Kommandos zum Rückzug. Keine fünfzig Schritte entfernt standen tatsächlich zwei hochgewachsene schlanke Kämpfer in roten Rüstungen, die Rücken ihnen zugewandt, elegante Bögen in den Händen, halbleere Köcher auf ihren Rücken. Elisabeth schrie ihnen entgegen und gestikulierte wild, um auf sich aufmerksam zu machen. Und tatsächlich drehten sich beide um und blickten skeptisch in ihre Richtung. Das leichte blaue Schimmern hinter ihren Helmen verriet eindeutig ihre elfische Herkunft. Erneut signalisierte Elisabeth, dass sie Hilfe brauchten, dass ihre Kräfte am Ende waren, dass sie alleine nicht mehr lange ausharren konnten, doch während hinter ihr wieder die ersten Skelette abgewehrt wurden, Schienen die Elfen davon völlig ungerührt. Schließlich wandte sich einer von den beiden wieder ab und hob eine Hand zum Signal, so dass sie es ebenfalls sehen konnten.

Bis zu jenem Tag hatte Angus immer voller Faszination die elfischen Mitglieder des Ordens betrachtet, immerhin waren sie nicht gerade oft zwischen ihren Reihen. Doch als der Elf die Hand hob und die Überlebenden ihrer Gruppe für weiter entfernte Dritte für tot erklärte und kurz darauf mit seinem Kameraden verschwand, war dies ein Schlag ins Gesicht für ihre Gruppe und zudem wahrscheinlich ihr Todesurteil. Die elfischen Pfeile hätten vielleicht dafür sorgen können, dass sie bei Beginn der Dämmerung nicht weitere drei Brüder und eine Schwester verloren hätten und eine weitere Schwester zu Krüppel geworden wäre.

Noch immer harrten sie im Krater aus, umgeben von Toten, gebadet in deren Blut. Vollkommen erschöpft lagen ein jeder, wo gerade einigermaßen Platz war. Keiner wagte es, den Helm abzunehmen und auf lindernden Regen zu hoffen war in diesen Landen illusorisch. Es herrschte eine trügerische Stille in Corins Kreuzung. Wer konnte, gönnte sich den Luxus für wenige Augenblicke die Augen zu schließen und Kraft zu schöpfen. Angus fühlte sich, als bestünde sein Körper aus massivem Stein, unfähig, auch nur einen Finger zu bewegen. Sein Schädel dröhnte und die Wunde in der Seite hämmerte dumpf bei jedem Herzschlag. Schweiß rann ihm über das Gesicht und in die Augen, blendete ihn immer wieder für ein paar Sekunden. Elisabeth neben ihm knirschte so laut mit den Zähnen, dass man es in der ganzen Stadt hören musste. Sie hasste Elfen. Und nun hasste sie Elfen noch mehr. Als die beiden verschwunden waren, hatte sie ihnen Flüche und Todesversprechungen hinterher geschrien, bis ihre Kehle wund war.

Keiner von ihnen traute sich etwas zu sagen oder sich zu bewegen. Zu groß war die Gefahr, doch noch vereinzelte Späher auf sich aufmerksam zu machen.
Hier und da hörte man ein einsames Stöhnen und Wimmern auf dem Schlachtfeld. Sie waren definitiv nicht die letzten Lebenden. Wie viele lagen wohl noch da draußen? Wie viele waren an diesem Tag gefallen? War Shukov eine von ihnen? Die Gedanken begannen zu wirbeln und zu strudeln, bis ein gurgelndes Geräusch den Fokus wieder auf das Hier und Jetzt brachte. Sie lauschten angestrengt. Dumpfes Patschen, ein leises Klacken, schmerzhaftes Stöhnen gefolgt von einem unverständlichen flehenden Laut, dann ein Schmatzen und Gurgeln, ein dumpfer Schlag. Keiner von ihnen regte sich auch nur noch einen Millimeter. Das Patschen kam näher, nun auch ein zweites von der anderen Seite, dann noch eines und noch eines. Langsam erhob sich eine seltsame Unruhe über das Schlachtfeld. Hier und dort wurde das Wimmern lauter, Schatten begannen, sich zu regen, versuchten davon zu kriechen.

„Sie töten unsere Verwundeten“, flüsterte einer, der nah genug am Rand des Kraters lag, um darüber hinweg sehen zu können. Wie ein kleiner Heuschreckenschwarm huschten Ghule und Zombies nahezu ungesehen über das Schlachtfeld, von roter Rüstung zu roter Rüstung. War einer nicht tot, dann beugten sie sich kurz über den Unglücklichen, zerrten den Kopf hoch, rissen ihm mit Klauen und Zähnen die Kehle aus und ließen die Leiche wieder zu Boden fallen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie auch zu ihnen gelangen würden.

Ob sie darauf hoffen konnten, übersehen zu werden, diese Frage stellte sich keinem mehr. Die einzige Entscheidung war nun, zu warten, bis die Ghule heran waren oder die noch geringe Distanz auszunutzen.

„Gebt mir meinen Schild.“ Es war die Schwester, deren rechter Oberarm in einem mit mittlerweile blutigen Lumpen umwickelten Stumpf endete. „Ich lenke sie ab.“

„Vergiss es“, zischte einer der Brüder zurück. „Wir gehen hier zusammen raus.“

„Wenn ich sie ablenke habt ihr eine Chance. So hab ich noch einen Nutzen.“

Die Bitterkeit ihrer Worte war nicht überhörbar. Wozu war ein Schwertkämpfer ohne Schwertarm auch noch nütze? Mit dem verbliebenen Arm tastete sie nach einem der Schilde. Als ihre Finger die Halteriemen berührten ertönte wenige Schritte von ihnen entfernt ein wildes Kreischen, das von einem ganzen Chor schriller Stimmen erwidert wurde. Sie waren entdeckt!
Schlagartig waren Müdigkeit und Erschöpfung verflogen, wer nicht sofort auf den Beinen war, der wurde von den anderen gepackt und hochgezerrt, die Verletzten gestützt, gezogen, geschoben, Ihr Entdecker hetzte ihnen hinterher, hieb mit seinen scharfen Krallen nach ihren Beinen. Ein triumphaler Schrei gepaart mit einem Schmerzensschrei machte klar, dass einer der Angriffe Erfolg hatte. Elisabeth stürzte zu Boden, ehe sie von den anderen gepackt werden konnte. Angus blieb augenblicklich stehen, drehte sich zu ihr und wollte sie am Arm packen um ihr hochhelfen, doch sie schlug die angebotene Hilfe mit der Hand weg.

„Beweg dich, du verdammter Idiot!“ brüllte sie ihn an während ein gezielter Schildhieb den Verfolger ausschaltete.

„Kannst du laufen?“ fragte er sie skeptisch während er zögernd einen Fuß vor den anderen setzte und sich langsam von ihr wegbewegte, den Blick weiter auf sie gerichtet.

Zähneknirschend antwortete sie ein „Ja“ und kam wankend wieder auf die Beine und hinkte eine Schritte.

„Dann lauf!“

Wie sehr er sie auch in all den Monaten für ihre unnachgiebige Sturheit verflucht hatte - gerade dieser Sturheit verdankte sie ihr Überleben, wie so viele andere auch. Als sie die Stellungen der Artillerie passierten, klafften rings um die Maschinen unzählige schwarze Löcher in der aufgewühlten Erde, wo sich die Untoten an die Oberfläche gegraben hatten. Hier und da sah man noch scharlachrote Leichen halb aus den Löchern ragen, in die sie gezogen worden waren. Der Feind war von Anfang an hinter ihnen gewesen.

Der Weg zurück nach Tyrs Hand schien kein Ende zu nehmen. Immer wieder trafen sie auf einzelne Überlebende oder auch kleine Gruppen. Sie waren müde, abgekämpft, erschöpft. Wasser hatte schon lange keiner mehr bei sich. Wer gehen konnte, ging, wer zusammenbrach wurde irgendwie gestützt oder getragen. Keiner wurde zurückgelassen.

Die Bilanz der Schlacht von Corins Kreuzung war ein massiver Schlag gegen die Scharlachroten. Die Erkenntnis war bitter und machte vorallem klar, dass der Ausgang zukünftiger Schlachten keine reine Frage der Massen werden würde sondern vorallem vom taktischen Geschick beider Seiten abhingen.

Angus' Blick schweifte wieder zu Skarssen der gerade mit erhobenem Kopf an der Seite seiner Brüder und Schwestern stand. Damals hatte ein Mann mit dunklen Haaren am Wegesrand nach Tyrs Hand gelegen, ohne Waffen, das Ornat des Paladins zerfetzt, mit zwei leeren Pistolengürteln um den Hüften. Mit einem abgrissenen Stück Stoff in der Hand hatte er gewunken um auf sich aufmerksam zu machen. Danach hatte er ihn nie wieder gesehen und für tot gehalten, bis er vor gut einem Jahr in Sturmwind auftauchte. Die Rüstung des Paladins trug er offenbar schon lange nicht mehr, ebenso wenig Hammer und Langschwert. Nun stand er hier, in der Rüstung der Gardisten, und bot erhobenen Hauptes seinem Gegner Paroli. Amlodi Skarssen war nach langer Zeit endlich von seinem Schlachtfeld zurückgekehrt.
_________________
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Shephard Angus Bodkin
Forscherliga



"Geißel der Zeloten"
Sir Marschall
<Scharlachrote Faust>

Beiträge: 2272

[ Charakterinfo ]
Titel: Verfasst am: 20. Okt 2014, 17:44 Beitrag  Diese Nachricht und die Folgenden als ungelesen markieren Antworten mit Zitat

Kapitel 5

Die brennenden Holzscheite knisterten leise, während sie langsam in sich zusammenfielen und das Feuer kleiner wurde. Der warme Schein der Flammen, sonst so oft ein Trost in der dunklen Nacht, war hier eher wie eine dauerpräsente Erinnerung an Dinge, die vor Jahren geschehen waren und auf skurile Art und Weise lebendig waren wie eh und je. Lebendig. Wenn es ein Wort gab, dass am wenigsten mit den Pestländern verbunden war, dann jenes. Angus saß am Lagerfeuer, den Blick auf die Flammen gerichtet, während seine Gedanken zwischen dem Jetzt und dem Damals hin und her schweiften wie ein riesiges Pendel, dass unaufhörlich in Bewegung blieb. Die Finger hielten den Becher umklammert, welcher inzwischen erkalteten schwarzen Tee enthielt.

„Du wirst sie nicht wiedersehen“, hallte eine Stimme noch immer in seinem Kopf. Auch wenn er wusste, dass es nur eine Einflüsterung von dunklen Kräften war, war diese Gewissheit doch nur ein schwacher Trost….


„Du wirst sie nicht wiedersehen.“

Das war sein erster Gedanke, als seine Füße sich langsam in Bewegung setzten und über die gepflasterte Straße schritten. Die Mauern der Stadt erhoben sich hinter ihm und im roten Licht der Abendsonne wirkten die sonst fast weißen Steine als würden sie glühen. Wie ein dunkles Tuch breiteten sich die Schatten immer weiter aus und ließen die Zinnen reißzahnartig wirken, als sie hier und da dunkle Kerben in das helle Pflaster bissen. Die Glocken der Stadt schlugen zur Abendstunde und das schwere Stadttor schloss sich hinter ihnen.
Stille. Schlagartig waren die Gesänge aus den Gassen, das Gelächter der Leute und das Markttreiben von Stratholme verstummt. Was blieb waren die Schritte auf der Straße, die Hufe der Pferde und das Knarzen der Wagenräder, während Angus und sein Vater die Reise zurück nach Darroheim antraten. Für ihn war es das erste Mal gewesen, dass er Stratholme gesehen hatte und es hatte ihn berauscht wie zu süßer Wein. In dem Moment, da er die Stadt betreten hatte, war ihm klar gewesen, dass er seine Zukunft nicht auf dem Dorf sondern in der Stadt suchen wollte, doch er wusste nur zu gut dass sein Vater dies nicht erlauben würde. Was würde sonst mit dem Hof werden? Die Erkenntnis war bitter, aber so war der Lauf der Dinge.

Die Reise zurück war weit und beschwerlich. Mehrere Tage waren sie unterwegs, schlugen hier und da ihr Lager auf. Es war Frühjahr in Lordaeron und die Tage waren warm, die Nächte mild. Das Land erblühte und an allen Ecken zeigten sich frisches Grün und farbenprächtige Blumen, als hätten es nur auf ein Signal gewartet. In Darroheim selbst liefen die Vorbereitungen für das Maifest auf Hochtouren. Der Maibaum wurde errichtet, die Mädchen knüpften farbige Bänder und schmückten Bäume und Zäune damit. Birkenreißig und Weidenkätzchen fanden sich in fast jedem Fenster. Der Duft von frischem Kuchen war schon von weitem zu riechen und die Obstbäume in den Hainen leuchteten im unschuldigen Weiß ihrer Blütenpracht.

Den Abend des Festes würde er nie vergessen. Vielleicht das riesige Feuer auf dem Dorfplatz. Vielleicht das frisch gezapfte Bier, das sein Vater ihm spendiert hatte. Vielleicht auch irgendwann den Vollmond, der in dieser Nacht hell und fast golden gestrahlt hatte. Aber niemals sie.

Sie war lachend auf ihn zukommen, hatte ihn an der Hand gefasst und mit gezerrt, als er ihre Aufforderung zum Tanz mit höflichen Floskeln ablehnen wollte. Ein Kranz aus geflochtenen Maiblumen ruhte auf ihrem haselnussbraunen Haar und ein kleiner Zweig mit Kirschblüten klemmte hinter ihrem Ohr. Ihm selbst brummte vom Bier der Schädel und seine Füße bewegten sich schon immer eher mit der Grazie eines Ackerpferdes denn der eines Rehs, doch das hielt sie nicht ab. Immer wieder trat er ihr auf die Zehen und immer wieder entschuldigte er sich bei ihr, doch sie lachte nur und drehte sich in seinen Armen, als gäbe es kein Morgen mehr. Die Zeit hörte schlicht und einfach auf zu existieren und die Welt gehörte nur ihnen beiden. Vom ersten Blick an in ihre grünen Augen war ihm klar, dass sie zusammengehören und nichts und niemand konnte sie wieder trennen. Vergessen war Stratholme, vergessen war der Wunsch, in die Stadt zu ziehen. Er würde hier bleiben, bei ihr bleiben. Am Tag der längsten Sonne kniete er umringt von goldenen Ähren vor ihr und hielt um ihre Hand an. Sein Herz zersprang fast vor Freude als sie „ja“ sagte und den Ring annahm, ein einfaches Stück aus Kupfer und Eisen, doch für sie das schönste, was sie je besessen hatte.

Der Sommer kam und es schien kein größeres Glück zu geben als ihres. Wann immer es die Zeit zuließ trafen sie sich zwischen den Feldern oder am Dorfplatz. Angus, sonst eher ruhig und ernst, der abgesehen vom sonntäglichen Kirchenbesuch nur selten im Dorf unterwegs war, verbrachte seine Abende auf einmal in Gesellschaft. Sie begannen gemeinsame Pläne zu schmieden über eine gemeinsame kleine Hütte und ein eigenes Stückchen Land, malten sich in ihren Träumen aus wie sie zusammen eine Familie gründeten, umringt von Feldern, Weiden und Obstbäumen. Er versprach ihr den Himmel auf Erden und dass es niemals eine andere geben würde und er alles dafür tun würde, damit es ihr niemals an etwas fehle.

Ein Lächeln huschte für einen kurzen Moment über sein Gesicht. Ja, das war die glücklichste Zeit seines Lebens. Er schloss die Augen und sah ihr Gesicht, ihre strahlend grünen Augen. Hörte ihr verlegenes Lachen als er ihr schwor, dass niemals eine andere ihren Platz einnehmen würde. Wie hätten sie ahnen können, was der Herbst brachte.


Der Herbst begann zeitig in diesem Jahr. Das Korn war schon früh reif und die Tage wurden bis zum letzten Tageslicht ausgenutzt um die Felder abzuernten und die Ähren zur Tenne zu bringen. Erntedank war nicht weit, doch Feierstimmung wollte keine so recht aufkommen. Gerüchte machten die Runde dass die Grippe umging, viel zu früh und viel zu heftig. Sogar erste Tote habe es gegeben und wenn es im Herbst schon so viele traf, was sollte erst im Winter werden? Kaufleute verließen nur zögerlich den Ort um nach Andorhal oder Stratholme aufzubrechen und umgekehrt kamen auch weniger von ihnen nach Darroheim. Zwar gab es Reisende, die den Ort durchquerten, doch waren es eher Menschen, die Lordaeron verlassen und im Süden einen Neuanfang wagen wollten. Eine bedrückende Stimmung hatte das Land gefasst doch keiner konnte sagen, was wirklich geschah. Königliche Herolde reisten durch das Land und riefen die Bevölkerung auf, in ihren Häusern zu bleiben.

Dann kamen die ersten Schreckensnachrichten aus Andorhal. Der Tod ginge um in der Stadt, wörtlich. Berichte häuften sich über Menschen, die mit Fieber und Husten auf der Straße leblos zusammenbrachen und sich bald schon als wandelnde Tote erneut erhoben um sich auf jene zu stürzen, die ihnen zu helfen versuchten. Bald schon kamen ähnliche Berichte aus den umliegenden Orten der großen Stadt. Immer häufiger sah man Soldaten auf den Straßen in voller Rüstung marschieren. Erinnerungen an den letzten großen Krieg kamen wieder hoch und bestärken das ungute Gefühl, dass etwas nicht in Ordnung war.

Seine Finger schlossen sich fest um den Becher und sein Blick verlor sich im Zucken der Flammen.


An jenem Tag war der Himmel strahlend blau wie Lordaerons Wappen gewesen. Zusammen mit einigen anderen hatte Angus fast die gesamte Woche auf den Feldern verbracht und in Zelten am Feldrain übernachtet um das gute Wetter so lang wie möglich für die Ernte nutzen zu können. Essen und Trinken brachten die Frauen und Kinder aus dem Dorf und wann immer sie konnte, war sie auch dabei gewesen. Doch nicht an diesem Tag. An diesem Tag stand die Sonne noch hoch am Himmel während sie dem letzten Getreidekarren folgten und einen Trupp Soldaten passierten, welche am Wegrand lagerten. Als jene die Darroheimer sahen, standen einige von ihnen auf und blockierten den Weg, rieten ihnen ab ins Dorf zurückzukehren. Unverständnis kam auf und je mehr die Soldaten versuchten, die Leute zu beschwichtigen, umso mehr wandelte sich das Unverständnis in Angst und schließlich in Wut. Die Soldaten erzählten, dass Andorhal schon vor Wochen von Untoten überrannt worden war. Ganze Dörfer waren infiziert und die Bevölkerung ausgelöscht und es auch Berichte aus der Nähe von Darroheim gab. Als schließlich auch noch die Rede davon war, dass einige Menschen im Dorf überraschend krank geworden waren, gab es kein Halten mehr.

„Du wirst sie nicht wiedersehen.“


Die Angst hatte ihn gepackt und ließ sein Herz schneller rasen. Was wenn sie auch krank geworden war? Er musste heim, um jeden Preis! Die Soldaten versuchten die Bauern vom Weg abzudrängen und redeten weiter auf sie ein, doch Angus war taub für ihre Worte. Er warf sich gegen einen der Gerüsteten, schlug blind um sich und rannte quer über die die Stoppelreihen der abgeernteten Felder. Die Warnrufe der Soldaten hörte er nicht. Mit zittrigen Beinen kam er in Darroheim an, doch das Bild, das sich ihm bot, übertraf alle Befürchtungen. Auch hier waren Soldaten, wirkten angespannt und nervös, die Waffen gezogen in den Händen und zum Angriff bereit. Die Fensterläden der Häuser waren größtenteils verschlossen, ebenso die Türen. Nur hier und da war eine offen, doch erst beim zweiten Blick erkannte er, dass diese eingetreten waren und schief in den Angeln hingen. Soldaten gingen in den Häusern ein und aus, hier und da mit roten Flecken auf Rüstung und Wappenrock, andere hockten schweigend auf Treppenabsätzen und starrten stumpf vor sich hin. Eine kleine Gruppe stand direkt am Brunnen des Marktplatzes in einem Halbkreis, die Köpfe gesenkt und die Gesichter zueinander gewandt. Etwas war zwischen ihren Füßen und Angus reckte den Kopf um zu sehen, was es war. Es durchfuhr ihn wie ein Blitz als er eine der Wäscherinnen erkannte, welche mit verdrehten Gliedmaßen zwischen den Stiefeln der Männer lag, eindeutig nicht mehr unter den Lebenden weilend. Halb stolpernd, halb stürzend wich er zurück. Noch hatten sie ihn nicht bemerkt und wer weiß was sie tun würden, wenn sie es taten. Die Angst schnürte ihm die Kehle zu und nur die Hoffnung, dass die Höfe außerhalb des Dorfes noch verschont waren, ließ ihn weitergehen.

Die Hütte sah nicht anders aus als sonst und doch wusste er sofort, dass etwas nicht stimmte. Keine gackerten Hühner, das Gatter für den Schafstall stand offen, von den Tieren keine Spur. Der Hund war weder zu sehen noch zu hören. Die Stille war gespenstig. Angus nahm eine Schaufel, die neben der Tür stand und legte zögernd die Hand gegen die nur angelehnte Tür, die mit einem dumpfen Knarzen nachgab. Drinnen war es dunkel und doch nicht dunkel genug, als dass er es nicht hätte sehen können. Ein süßlicher Geruch schlug ihm entgegen und das vertraute Geräusch von aufgeschreckten Fliegen erfüllte die Luft. Die Stühle lagen umgekippt da, einer war zerbrochen. Das Geschirr lag teilweise in Scherben im Raum verstreut. Dort, im Gang zur Küche, lag reglos seine Mutter, den Blick starr zur Decke gerichtet. Neben ihr, mit dem Gesicht zum Boden, sein Vater, den Arm noch schützend über seiner Frau. Fliegen ließen sich auf ihre Leiber nieder. Er spürte wie Tränen in ihm aufstiegen als ein leises Wimmern neben ihm ihn herumfahren ließ.

Der Becher knirschte leise und unheilvoll während seine Hände ihn fester drückten.

Dort, in der dunkelsten Ecke des Raumes, hockte sie. Die Arme waren um die Knie geschlungen während sie vor und zurück wippte. Das Haar hing ihr strähnig ins Gesicht, die Finger ihrer Hände waren in einander verkrampft, so dass die Knöchel bizarr weiß wirkten, während der Rest mit dunklem Wasser bedeckt zu sein schien. Sein Herz setzte einen Schlag aus als er sie so sah. Unfähig ein Wort herauszubringen trat er vorsichtig einen Schritt näher. Ihr Kopf ruckte hoch und gerötete Augen mit einem Blick bar jeder Hoffnung starrten ihn an. Tränen hatten helle Spuren im verschmutzten Gesicht hinterlassen. Zunächst schien sie ihn nicht zu erkennen doch dann formten ihre zitternden Lippen stumm seinen Namen. Flehend sah sie ihn und ihre Finger lösten sich von einander, streckten sich ihm entgegen. Gerade als Angus etwas sagen wollte, beutelte ein Hustenkrampf ihren Körper und erkannte, wie erschreckend ausgemergelt ihre Gestalt war. Angus starrte sie ungläubig an. Es konnte, ja durfte nicht sein! Nicht sie! Kraftlos sank er vor ihr auf die Knie, während unsichtbare Hände ihm den Hals zudrückten und jegliches Wort im Keim erstickten. Er streckte eine zitternde Hand nach ihr aus, doch noch ehe er sie berühren konnte schlug sie nach ihm, die Finger krallenförmig verkrampft und ein schriller Schrei aus ihrem Mund ließ das Blut in seinen Adern gefrieren.

Mit einem Knirschen gab der Becher nach und zerbrach in seinen Händen, doch er merkte es nicht.

Ihre Schreie hörte er auch dann noch, als ihr Körper längst reglos in einer Lache ihres eigenen Blutes lag. Es waren Schreie aus Hass, Schreie aus Schmerz, Schreie aus Wut und Schreie aus Hoffnungslosigkeit. Noch lange kniete er in ihrem Blut, in seinen Händen noch immer die Schaufel haltend und unfähig sich zu bewegen während sein ganzer Körper vor Anspannung verkrampfte und zitterte. Ihr Gesicht war ihm zugewandt, die grünen Augen weit geöffnet doch ihr Blick gebrochen, tot. Es dauerte Stunden bis er registrierte, was geschehen war, was er getan hatte und die Angst stieg auf, dass sie vielleicht einfach nur Panik gehabt hatte, dass sie am Leben gewesen war, dass sie gespürt hatte wie er ihr den Schädel einschlug während sie mit jedem Schlag lauter schrie, bis sie sich schließlich nicht mehr regte.

Er wusste nicht mehr wie lange er dort ausgeharrt hatte, ehe er in der Lage gewesen war, einen ersten klaren Gedanken zu fassen. Er wusste nur noch dass das Blau des Himmels verschwunden und einem bleiernen Grau gewichen war, als er neben drei Gräbern stand und einen Eid schwor, den nur der kalte Wind Lordaerons bezeugte, der das Ende des Herbstes einläutete.

„Du wirst sie nicht wiedersehen.“

Anfangs hatte er versucht, den Gedanken zu verleugnen, doch als er die letzte Erde auf ihr Grab schaufelte, war die Gewissheit endgültig. Nicht nur ihr Leben endete hier, sondern auch seines und so sehr er sich auch wünschte, ihr zu folgen, seine Zeit schien noch nicht gekommen. Er klammerte sich an einen Versprechen, das er vor einigen Monaten gegeben hatte und es erfüllen würde, koste es, was es wolle. Das Wie wurde ihm bewusst als er feststellte, dass seine Beine ihn zu den Lagern der Soldaten zurückgeführt hatten. Er schloss sich als Rekrut dem Trupp an und folgte ihnen im Kampf gegen die untote Geißel. Der einzige Weg, die Seuche zu stoppen, waren Schwert und Feuer.

Das Feuer war fast erloschen und die Kühle ließ ihn frösteln. Seine Hände waren leer, der Becher lag in Scherben zwischen seinen Füßen. Wieder hörte er die flüsternde Stimme in seinem Kopf, ihren spöttischen Klang.

„Du wirst sie nicht wiedersehen. Sie wartet umsonst auf dich.“

Angus erhob sich langsam und blickte zu den Sternen empor. Ein jeder von ihnen stand für eine gestorbene Seele und er lächelte leicht, als er einen besonders hell funkeln sah. Die Stimme hat unrecht. Er hatte sie wiedergesehen und so sehr es auch geschmerzt hatte, sie wieder zu verlieren, es hatte ihm doch in einem Punkt mehr Kraft gegeben.

„Ich werde sie wiedersehen. Und sie wartet auf mich.“
_________________
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Shephard Angus Bodkin
Forscherliga



"Geißel der Zeloten"
Sir Marschall
<Scharlachrote Faust>

Beiträge: 2272

[ Charakterinfo ]
Titel: Verfasst am: 12. Dez 2016, 17:30 Beitrag  Diese Nachricht und die Folgenden als ungelesen markieren Antworten mit Zitat

Kapitel 6

Angus stand auf den Wehrgängen, abseits der Feuerschalen im Halbdunkel, und genoss das Gefühl der kühleren Abendluft auf der Haut. Noch immer klangen ihm van de Flierdts Worte in den Ohren: „Sie muss für ihre Taten Buße tun. Wenn sie es überlebt, war es Lichtes Wille und damit bin ich zufrieden.“ Er blickte hinüber zur Motte Klarblick, zu einem einzelnen Fenster im Obergeschoss, was eher eine Schießscharte als ein Fenster war. Es wirkte wie eine Ewigkeit seit er diese Worte schon einmal gehört hatte. Und nur zu gut erinnerte er sich daran, wohin sie geführt hatten.

Es war wieder einer dieser Tage in Tyrs Hand, an denen man nicht sagen konnte ob es noch Nacht oder schon Morgen war. Die Nebelschwaden hingen so tief in den Tälern, dass selbst die Fackeln, die sie an den Wegen nahe der hohen Mauern aufgestellt hatten, nicht mehr richtig zu erkennen waren. Die Luft roch nach süßlicher Fäule und kroch kühl und klamm durch sämtliche Ritzen der Unterkünfte und durchdrang die Wachen wie die Schlafenden bis auf die Knochen. Die Feuerschalen waren aus, da das wenige Holz zu feucht war um wärmebringend zu verbrennen und schwelend eher die Sicht noch mehr behindert hätte. Die Wachen lösten sich gerade ab und die ersten Patrouillen machten sich bereit, Tyrs Hand zu verlassen. Auf dem Innenhof sammelten sich mehrere Gardisten in voller Bewaffnung, drei weitere zwischen sich, denen man die Rüstung abgenommen hatte und deren Hände auf dem Rücken verborgen waren. Angus beobachtete die Prozession mit gerunzelter Stirn, vorallem als er sah, dass einer der drei einer der Kameraden aus dem 13. Bataillon war. Natasi blickte zu ihm, schaute nur kurz auf die Abgeführten, dann wieder nach draußen ohne sie eines zweiten Blickes zu würdigen.

“Diebe.”

Mehr sagte sie nicht und doch sagte sie damit alles, was es zu sagen gab. Mit Corins Kreuzung fehlte ein wichtiger Knotenpunkt der Truppenversorgung und die Folgen waren für jeden einzelnen zu spüren. Die Tagesrationen waren auf weniger als die Hälfte gekürzt, oft nur ein karges Frühstück aus dünnem Brei, das für den Tag reichen musste. Nicht selten wurden inzwischen Diebstähle gemeldet, von Zivilisten wie Kreuzzüglern, ausgelöst durch Hunger und Durst. Vor zwei Tagen war sogar Wasser aus der Kathedrale entwendet worden, doch für ertappte Täter war weder Mitgefühl noch Gnade wegen ihrer Not zu erwarten. Wer erwischt wurde, wurde verhaftet und für gewöhnlich nicht wieder gesehen, galt er doch mit seiner Tat als zu charakterschwach.

Mit einem unguten Gefühl in der Magengegend löste Angus den Blick von der Prozession und hob die Hand vor den Mund, um sein Gähnen zu verbergen. Ihm brannten die Augen und die Gelenke schmerzten, doch er versuchte es sich nicht anmerken zu lassen. Schon seit dem Vorabend standen sie beide auf der Mauer und hielten Wache. Während sie auf den Wehrgängen der Mauer auf und ab schritten, fragte Natasi ihn wieder und wieder nach den Stützpunkten des Ordens in den Pestländern und in Tirisfal ab, nach den Kommandanten, Hierarchien, Truppmarkierungen, Bannerzeichen, Stärken und Schwächen der einzelnen Einheiten, Kurzzeichen für die wortlose Kommunikation… Sie gab sich alle Mühe ihm keinen Moment der Erholung zu gönnen sondern ihn stundenlang auf Konzentration zu trimmen.

Er schmunzelte ein wenig. Natürlich hatte er es nicht immer durchgehalten und war teils fast im Stehen vor ihren Füßen eingeschlafen. Umso wacher war er dafür gewesen, wenn ihr gepanzerte Hand als Ohrfeige in seinem Gesicht gelandet war.

Gerade als er wieder kurz vor dem Einnicken war und sich der plattenbewehrte Ellbogen von Shukov unfreundlich in seine Rippen drückte, erklang ein Ruf von einem der anderen Wachposten. Durch die Nebelschwaden zeichneten sich nach und nach Umrisse ab, welche zwar schwankten, jedoch stetig näher kamen. Trübe kleine Lichter, wohl Laternen, schienen zwischen ihnen zu schweben wie unheilvolle Zauberkugeln. Am Anfang noch unförmig und vage zu erkennen wurden es bald sichtbar, dass es sich um Flüchtlinge aus dem Binnenland handeln musste. Mehrere Dutzend, so schätzte er allein von der Breite der Kolonne, welche unaufhaltsam auf Tyrs Hand zuhielt. Binnen Sekunden erwachte der Bereich hinter dem Tor zum vollen Leben. Befehle wurden gerufen, dunkelrot gekleidete Wachen huschten über den Innenhof, bildeten ein bewaffnetes und gerüstetes Spalier zum Empfang der Neuen, Armbrüste und Gewehre wurden schussbereit gemacht.

Shukov hob die Hand und langsam öffnete sich das Tor mit einem tiefen Knarren, welches den Boden vibrieren ließ. Spätestens jetzt wurde auch in den nahestehenden Baracken Licht entzündet, wenn sie nicht eh schon von den Wachrufen geweckt in Bereitschaft gingen. Angus blickte noch einmal über die Mauer zurück und sah, dass die Schatten sich bis zu den äußeren, noch erkennbaren Fackeln erstreckten. Es mussten weit über 100 Menschen da unten sein.

“Zu viele. Dann sortieren wir mal…”, murmelte Shukov und prüfte dabei noch einmal den Sitz des Handschuhs.

Nachdenklich ließ er den Blick über die Baumwipfel schweifen. Vielleicht wollte Licht damals, dass er sieht und begreift, was sie taten und tun mussten, und doch hatte er damals gehofft, dass ihm diese Erfahrung erspart bliebe. Ein Wunschdenken.

Mit Schilden und Speeren wurden die Neuankömmlinge aufgeteilt und in verschiedene Bereiche des Vorplatzes dirigiert. Angus rief drei weitere Gardisten des 13. Bataillons zu sich und positionierte sich mit ihnen auf der rechten Seite, Shukov und ebenfalls drei weitere gingen nach links. Beide wussten welche Aufgabe sie jeweils hatten und konzentrierten sich schweigend darauf, die hoffnungsvollen Blicke der Ankömmlinge, ihre Worte voll Dank und Erleichterung an sich abprallen lassend.

“Es gibt nur drei Stimmen, auf die du zu hören hast”, hatte Shukov ihm einmal gesagt. “Deinen Vorgesetzten, das Licht und deinen Verstand. Wie lange du am Leben bleibst hängt davon, ob du schlau genug bist, immer auf die jeweils richtige zu hören.” Gerade jetzt in diesem Moment war es der Vorgesetzte. Anders war es nicht ertragbar.

Weit über die Hälfte der Neuankömmlinge wurden auf Angus’ Seite dirigiert. Zwei Kleriker kamen zu ihnen, den Gewändern nach Inquisitoren. Einer nach dem anderen wurde von ihnen kurz prüfend gemustert, und mit einfachen Handgesten entschieden, wer von ihnen in einen Käfig geschoben wurde oder vor einer Baracke Aufstellung nehmen musste. Die im Käfig waren dabei noch die Glücklichen, hatte man sich doch bei ihnen für eine Quarantänezeit entschieden um ihnen eine Chance zu geben. Die anderen würden die Gnade des Lichts erfahren und Erlösung von ihrem Leid finden. Diesen letzten Dienst würden sie ihnen gewähren und ihre Seelen damit retten. Das war der einzige Trost, den er hatte, wenn er später seine Waffen und Rüstung von ihrem Blut reinigen würde.

Schon lange wurden keine Infizierten mehr erschossen. Munition war knapp und musste für die wichtigen Situationen gespart werden. Stattdessen war es an den Gardisten, sie mit raschen gezielten Hieben zu enthaupten. Gerade den jüngeren Gardisten gelang dies nicht immer, was sie wiederum selbst in die Ziellinie ihrer Befehlshaber brachte, und so hallte über den Vorplatz ein Gemisch aus Dankesrufen der Geschohnten, Verzweiflungsschreie der in Quarantäne Inhaftierten, panischem Kreischen der Todgeweihten und den Schmerzenslauten der Gardisten, welche ihre Schwäche mit Peitschenhieben bezahlten.

Angus machte Letzteren keinen Vorwurf. Er selbst hatte es am Anfang ebenfalls nicht gekonnt, hatte gezögert und sogar verfehlt, bis Elisabeth in ihrer unnachahmlich fürsorgenden Art ihm den Kopf an den rechten Fleck gerückt hatte.

“Glaubst du, du tust ihnen einen Gefallen, indem du sie noch länger leiden lässt und erst noch verkrüppelst, statt ihnen einen raschen, sauberen Tod zu geben? Sie sind nicht rettbar! Was glaubst du wem du damit hilfst? Hm? Bist du zu schwach eine kranke Seele von ihrem Leid zu befreien? Was willst du dann hier!”

Er verzog das Gesicht und spürte das Ziehen der Narben auf seinem Rücken, die ihn stets daran erinnerten, dass Gnade mehr war als Leben zu lassen, sondern manchmal auch darin bestand, zu töten.

Er war lange genug an Shukovs Seite um selbst seinen Exekutionstrupp zusammen zu stellen, wobei er immer einen Gardisten dazu wählte, von dem er wusste, dass er zaudern würde, doch dass allein die Zusammenarbeit der anderen ihn dazu bringen würde, zu tun, was von ihm verlangt wurde.

Die Arbeit verrichteten sie schweigend, mit mechanisch wirkenden Bewegungen, leerem Blick und stoischen Mienen. Eine unheimliche Stille hatte sich über den Platz gelegt, als sie fertig waren. Niemand sagte etwas. Selbst die Neuankömmlinge verharrten in Schweigen, vermutlich aus Angst, ein zufälliger Laut würde die Aufmerksamkeit erregen und die Priester sich doch noch umentscheiden lassen.

Doch gerade als sie zum Säubern der Waffen und Rüstung zurück in die Baracke gehen wollten, gellte ein Pfiff. Angus kannte den Ton nur zu gut. Er schaut fragend gen Elisabeth, welche wortlos auf die drei Diebe deutete. Für einen Sekundenbruchteil war er sich sicher, ein spöttisches Funkeln in ihren Augen zu sehen, als ihm in Entsetzen klar wurde, dass einer der drei aus seiner Einheit war und er ihn richten sollte. Als er weiter zögerte zuckten ihre Mundwinkel nach oben.

“Was denn, ist der Herr etwa zimperlich wenn es darum geht, ein Urteil zu vollstrecken? Du kennst die Strafe, du kennst das Urteil, also führ es aus.”

Klangen ihre Worte zunächst noch nach kühlem Hohn schlugen sie mitten drin um in kalte Schärfe, die klar machte, was ihm blühen würde, wenn er sich widersetzte. Shukov gesellte sich zu beiden und drückte ihm ohne eine Silbe der Erklärung ihr Schwert in die Hand. Angus blickte von der Waffe in seiner Hand zu den drei Deliquenten. Zwei von ihnen hielten den Kopf gesenkt, der dritte blickte ihm direkt in die Augen. Für einen Moment hatte Angus das Gefühl, als würde ein paar Hände nach seinem Hals packen und ihn würgen. Seine Gedanken rasten. Ja, er kannte das Vergehen, er kannte die Strafe. Er wusste wie gnadenlos Diebstahl bestraft wurde, und doch kniete hier einer vor ihm, mit dem er seit dem Tag, als er dem Kreuzzug beigetreten war, Seite an Seite gewacht, gekämpft und geblutet hatte. Sein Blick fiel auf das Schwert in seiner Hand, dann auf Shukov.

“Sie sind Diebe, ja, und ich weiß welche Strafe darauf steht. Aber können wir es uns leisten, ihre Kampfkraft zu verlieren?”

Natasis Blick verhärtete sich. Elisabeth lachte einmal laut und bitter auf. Offenbar hatte er ihr Vorstellung von seiner Entschussfähigkeit komplett erfüllt, aber es kümmerte ihn nicht. Mit einem Ruck riss Natasi ihm das Schwert aus der Hand, packte ihn am Arm und zerrte ihn mit sich. Dass er sie dabei über einen Kopf überragte minderte ihre Kraft und Autorität dabei nicht im geringsten. Sie schleifte ihn bis zu einem Glutbecken, wo Schmiede Ketten und Fesseln fertigen. Sie packt ein in der Glut steckendes Eisen, an dessen rotglühendem Ende sich das Symbol des Ordens abzeichnete - das Brandzeichen für diejenigen, die einmal zu oft verfehlt hatten um ohne Makel zu sein, doch nicht schwer genug verfehlt hatten um den finalen Richtspruch zu erhalten.

“Deine Entscheidung. Deine Verantwortung.”

Damit übergab sie das Eisen an Angus, wandte sie um und ging. Elisabeth blieb bei ihm, sagte jedoch nichts sondern beobachtete ihn nur mit dem Blick eines Raubtiers, das darauf wartete, dass sein Ziel einen Zeichen von Schwäche zeigte um es reißen zu können.

Den Geruch des verbrannten Fleischs auf ihren Händen hatte er nie vergessen. Manchmal, wenn in der Küche ein Braten garte oder er einem Inquisitor zu Hand gegangen war, kehrte der Moment kurz in seine Erinnerung zurück. Das Zischen des heißen Eisens, das Zittern der Hände, welche blutig roh geschwollen waren und für lange Zeit nicht zu gebrauchen waren.

Sie hatten keinen Laut von sich gegeben, sondern es stumm ertragen, auch wenn ihre Mimik anderes gesprochen hatte. Gebrandmarkt waren sie zu ihren Einheiten zurückgeschickt worden um ihren normalen Dienst wieder aufzunehmen. Angus hatte erwartet, dass sie von ihren Kameraden gescholten werden würden für ihren Egoismus, vielleicht sogar verprügelt, doch zu seinem persönlichen Entsetzen erkannte er bald, dass er sich geirrt hatte.

Niemand sprach mit ihnen. Niemand half ihnen. Niemand blickte sie auch nur an. Sie wurden ausgegrenzt, wie Aussätzige behandelt und nicht selten blieben ihre Rationsschüsseln halb leer im Vergleich zu denen der anderen. Es dauerte nur wenige Tage, bis der erste von ihnen sich während seiner Wachschicht Tyrs Hand verließ und nicht zurückkehrte. Die anderen beiden meldeten sich bei ihren Vorgesetzten freiwillig für einen Einsatz bis ins Hügelland, um einen Versorgungskonvoi nach Tyrs Hand zu holen und so die gestohlenen Güter wieder auszugleichen. Noch am gleichen Tag zogen sie los. Shukov, Angus und Elisabeth standen auf der Mauer und schauten den beiden nach, wie sie langsam in den Dunstschwaden der Pestländer verschwanden und Elisabeths Feder zwei Namen aus ihrer Liste strich.

“Und, edler Recke, bist du zufrieden? Ist das Mal nicht gnädiger als der Tod?”, fragte Elisabeth mit einem spöttischen Grinsen auf den Lippen, was ihre Augen fast schon boshaft blitzen ließ. “Sie hätten ja schließlich auch einfach fragen können, hm?”

Angus antwortete nicht, stattdessen grunzte Shukov auf ihre Art. „Sie müssen für ihre Taten Buße tun. Wenn sie es überleben, war es Lichtes Wille und damit bin ich zufrieden.“

Wenige Tage später zitierte Shukov Angus zu sich. Ohne ein Wort der Erklärung ließ sie ihren Kodex vor ihm auf den Tisch fallen und schlug ohne hinzublicken eine der ersten Seiten auf. Sie erzählte ihm dass ein Einsatztrupp unweit von Tyrs Hand von Untoten angegriffen worden war, wobei zwei der Untoten die roten Rüstungen des Ordens getragen hatten. Drei Männer des Trupps waren dabei verletzt und infiziert, ein vierter direkt getötet worden. Als er ansetzen wollte etwas zu erwidern ließ ihr Blick ihn verstummen. Statt dessen deutete sie mit dem Zeigefinger auf eine Stelle in ihrem Kodex und verpasste ihm einen harten Klaps auf den Hinterkopf.

Noch immer stand er auf den Wehrgängen, während seine Hand sich auf seinen eigenen Kodex gelegt hatte, den er immer bei sich trug. Noch immer konnte er die kunstvoll Initialen vor sich sehen, die auf den alten Seiten von Shukovs Kodex in leuchtendem Rot geprangt hatten, verziert mit Ranken, Blättern und kleinen Flammen. Er hatte damals bis tief in die Nacht vor ihr gestanden und wieder und wieder den gleichen Absatz gelesen um endlich zu begreifen. Er nahm seinen Kodex zur Hand und öffnete ihn, schlug eine Seite weit am Anfang auf und las, wie damals: “Unbeholfene Helfer, helfen auf die falsche Weise, machen es schlimmer statt besser und vergrößern so das Leid auf der Welt.”
_________________
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Shephard Angus Bodkin
Forscherliga



"Geißel der Zeloten"
Sir Marschall
<Scharlachrote Faust>

Beiträge: 2272

[ Charakterinfo ]
Titel: Verfasst am: 29. Jan 2018, 21:16 Beitrag  Diese Nachricht und die Folgenden als ungelesen markieren Antworten mit Zitat

Kapitel 7

Es war mal wieder soweit, diese bestimmte Zeit zum Ende eines jeden Jahres, in der man anfing, mehr über seine Taten zu sinnieren und an die zu denken, für die man sonst in den restlichen 50 Wochen keine Zeit hatte. Haben wollte. Ein Paradebeispiel dafür lag gerade vor ihm auf dem Tisch, in Form eines geöffneten Briefumschlags. Leicht angegilbt, die Beschriftung an einigen Stellen durch Wasserflecken unleserlich verschmiert und an einer Ecke von einem unvollständigen Ring einer übervollen Teetasse verziert. Zumindest bewies das, dass der Brief trotz des Argentumsymbols auf seiner Rückseite mehr Zeit auf dem Tisch als in der Schublade verbracht hatte. Nur mit der Antwort haperte es. Mal wieder.

Um sich weiter im Prokrastinieren zu üben ging Angus zum Kamin und nutzte die kühle Abendluft als Vorwand, sich erst einmal mit dem Anzünden eines Feuers zu beschäftigen, statt mit Schreiberei. Zunächst stieg erst nur etwas Qualm auf, gefolgt von fast unsichtbaren, bläulichen Flämmchen, bis diese langsam wuchsen und einen gelben Schein bekamen. Wenige Minuten später knisterte und knackte ein lebhaftes Feuer im Kamin und er wandte sich zwangsweise wieder dem Brief zu.

Abgeschickt hatte man den Brief in Herdweiler, der ehemaligen Hochburg des Scharlachroten Kreuzzugs. Der Zufall wollte es, dass er selbst vor gar nicht langer Zeit mit einem Trupp in Herdweiler zu Gast gewesen war. Eine durchaus positive Erfahrung in Anbetracht des verbesserten Verhältnisses zwischen aktuellen und ehemaligen Statthaltern, auch wenn der Anblick von Orcs und Tauren in den silbernen Rüstungen und Wappenröcken immer wieder aufs Neue ein Schlag in die Magengrube war.

Herdweiler hatte aber noch eine ganz andere Überraschung für ihn parat. Eine Begegnung, die er seit Jahren nicht für möglich gehalten hatte.


Angus war damals noch nicht lange beim Kreuzzug gewesen. Er war nur einer von vielen Rekruten, die von morgens bis abends auf den Übungsplätzen gedrillt und zu Kreuzfahrern geformt wurden, während die erfahrenen Kämpfer ausrückten um das Land zurück zu erobern. Mit ihnen zu gehen und seinen Teil zum Kampf beizutragen stellte dabei eine weitaus größere Motivation dar, die stundenlangen Übungen zu absolvieren als es die gebrüllten Befehle ihrer Ausbilder waren. Manche der Veteranen verbrachten ihre freie Zeit bei ihren eigenen Übungen in der Nähe der Rekruten, die neugierig und auch ehrfürchtig zusahen, wozu ein echter Kreuzfahrer in der Lage war. Einer dieser Veteranen war ein Mann aus dem 12. Bataillon, der stets gut gelaunt wirkte und sich sogar öfter die Zeit nahm, den Rekruten ein paar Tricks und Kniffe zu zeigen und ihnen das Leben ein kleines bisschen besser machten.

In jenen Monaten lernte Angus zusammen mit den Anderen den Umgang mit zahlreichen Waffen. Vorlieben wurden ausgebaut, Schwächen aufgedeckt und ausgemerzt, Formationen und Taktiken wurden eingeschärft, bis sie mitten in der Nacht aus den Betten gerissen werden konnten und dennoch sofort kampfbereit waren. Er mochte den Kampf mit dem Schwert und ging meist offensiv in die Übungskämpfe. Liz, die sich zu seinem persönlichen Übungspartner erklärt hatte, genoss jeden einzelnen der Kämpfe, die ihn mit blauen Flecken übersäten und in den Dreck schickten.
So sehr Angus sich auch bemühte, er schaffte es nicht ein einziges Mal, sie zu besiegen und das frustrierte ihn. Er begann den Übungsplatz früher aufzusuchen, um eine Weile allein üben zu können, bis sich eines Tages ein unerwarteter Zuschauer zu ihm gesellte. Es war der Veteran aus dem 12., der eine Weile zugesehen hatte, dann zum Waffenständer mit den Übungswaffen ging und sich einen Schild und ein kurzes Schwert raus suchte.

Mit einem Grinsen im Gesicht reichte er Angus beides. „Versuch das mal“, sagte er und nickte dabei auffordernd. Zögernd legte Angus die größere Waffe zur Seite und nahm die angebotenen. Bislang hatte er nicht gerade viel Übung im Kampf mit dem Schild, doch ehe er sich versah war er mit dem Veteranen in einem Übungskampf, der ihm zeigte, dass der Schild keineswegs so defensiv und langweilig war, wie ein junger Rekrut es womöglich dachte. Er merkte nicht einmal, dass Liz inzwischen dazu gekommen war und sie schweigend beobachtet hatte, bis der Ältere die Waffen senkte. Er tippte mit zwei Fingern an die Stirn zum knappen Salut und rief im Gehen noch über die Schulter: „Lass den Kleinen mit Schild und Schwert ran. Liegt ihm mehr.“

Zu Angus' Verwunderung tat Liz genau das. Sie ließ ihm Schild und Schwert ohne Widerworte und binnen weniger Übungskämpfe wurde klar, dass das Urteil des Veteranen korrekt gewesen war.

Als sie eine kurze Pause machten wagte Angus schließlich, Liz zu fragen, wer der Mann eigentlich ist.

„J. P. Morgan“, antwortete sie und deutete mit einem Nicken in Richtung der Baracken vom 12. Bataillon. „Ehemaliger Soldat der Lordaeroner Armee. Ist wie ein bunter Hund, den kennt hier jeder.“
Angus nickte leicht und blickte fragend gen Liz. „Er ist gut, oder?“

„Ja, Krüppel.“ Liz seufzte anhand der Dummheit einer Frage, die so offensichtlich zu beantworten war. „Einer der Besten.“

Langsam kroch die Kühle der Nacht in sein Zimmer und Angus erhob sich um ein paar neue Holzscheite im Kamin nachzulegen. Es dauerte einen kurzen Moment, bis das Feuer den Nachschub ergriff und schließlich in neuen kräftigen Flammen den Raum wärmte und erhellte, während die Schatten an den Wänden einen wilden Reigen tanzten.

Damals, als Rekrut, hatte er in der Tat J. P. Morgan das erste Mal getroffen, aber wirklich kennen gelernt hatte er ihn erst ein knappes Jahr später ...


Die Zeiten waren nicht die besten. In einer kurzen Ansprache an ihr Bataillon hatte Shukov die Entscheidung des Kreuzzugs mitgeteilt, dass die gemeinsamen Einsätze von Scharlachroten und Argentumdämmerung ein Ende gefunden hätten und gegenseitige Unterstützung eingestellt werde. „Zu verschiedene Ansichten“ war die offizielle Erklärung, was durchaus der Wahrheit entsprach, denn gemäß ihrer liberalen Ansichten hatte die Argentumdämmerung alles als Waffenbrüder willkommen geheißen, was sich am Kampf gegen den Untod beteiligte, sogar Orcs und Trolle. Für die Scharlachroten, die nahezu alle in der Zeit vor der Geißel unter Überfällen der barbarischen Völker gelitten hatten, war dies ein unverzeihlicher Schlag ins Gesicht, der an Ketzerei grenzte.

Um die fehlende Mannstärke bei größeren Einsätzen auszugleichen wurden öfter Truppen verschiedener Bataillone zusammen losgeschickt. Der Zufall wollte es, dass die Trupps von Morgan und Liz zusammen gezogen wurden und Angus dadurch die Gelegenheit hatte, mit den Veteranen Seite an Seite zu kämpfen. Ihre Mission war beinahe banal. In einem nahegelegenen Dorf war es zu bestätigten Infektionen gekommen, die Infizierten sollten ausfindig gemacht und beseitigt werden.

Die Reise bis zum Dorf war recht entspannt. Die Angehörigen beider Bataillone vertrieben sich die Zeit mit Geplauder, ohne dabei die Vorsicht zu vernachlässigen. Als die Dächer des Dorfes jedoch in Sichtweite kamen verstummten sie. Einen kurzen Moment, als sie anhielten um das Dorf aus der Ferne zu betrachten, herrschte eine gespenstische Stille. Weit und breit kein Vogel, der hätte zwitschern können, kein Laub an den toten Bäumen, die bleich am Wegesrand standen, nicht einmal ihre Pferde schnaubten, sondern harrten der Kommandos ihrer Reiter. Für einen Moment wirkte es für Angus, als wären die Kreuzfahrer Krieger einer anderen, übernatürlichen Welt, die sich wie Geister geräuschlos über das Land bewegten. Das metallische Klingen von Stahl auf Stahl durchbrach die Stille, als die Männer von Morgans Trupp fast perfekt synchron ihre Waffen zogen und ihren Pferden die Sporen gaben. Liz gab einen kurzen schrillen Pfiff von sich und binnen weniger Augenblicke setzte sie mit ihren Leuten hinterher.

Obwohl es tatsächlich nur wenige Momente waren, die Morgans Trupp Vorsprung hatte, fühlte es sich wie eine halbe Ewigkeit an, denn als Angus zusammen mit Liz das Dorf erreichte, fanden sich dort bereits die ersten Toten vor den Häusern. Mit einer erschreckenden Ruhe sah er die Männer die Tür eines Hauses eintreten, hörte die Schreie der Bewohner, das Flehen um Gnade bis es wieder still wurde und sie das Haus wieder verließen, nur um am nächsten Gebäude das gleiche zu tun. Mit einer unheimlichen Routine löschten sie so nach einander jede Seele des Ortes aus. Zwei der Häuser wurden sofort den Flammen übergeben, die anderen wurden auf alles Verwertbare durchsucht, egal ob Münzen, Zinngeschirr oder Nahrungsmittel. Angus wurde mit dazu eingeteilt, die Toten des Ortes zu zählen und ihnen noch die letzten Habseligkeiten abzunehmen.

Es waren keine drei Stunden vergangen seit sie das Dorf betreten hatten, bis auch vom letzten Dach dicke schwarze Rauchsäulen in den Himmel stiegen. Angus blickte zu Morgan, der sich in Ruhe mit Liz unterhielt, die immer wieder nickte, ab und an lachte. Morgan bemerkte ihn, löste sich mit einem Nicken gen Liz aus dem Gespräch und kam auf ihn zu. Normalerweise wäre Angus erfreut gewesen, mit dem Veteranen reden zu können, doch in dem Moment war er nicht einmal sicher, ob er überhaupt mit ihm reden wollte.

„Du wirkst unglücklich, Junge.“ Morgan hakte die Daumen in den Gürtel und schmunzelte.

Angus schüttelte kaum merklich den Kopf, während er einen Sack mit Geborgenem in den Satteltaschen seines Pferdes verstaute. „Nicht unglücklich“, sagte er und zurrte die Riemen zu.

„Sondern?“

Angus hielt inne und blinzelte, als der Rauch der Feuer ihn in den Augen biss. „Warum? Ich meine, warum alle? Der Bericht sprach von Zweien. Warum mussten alle sterben?“

Für einen kurzen Moment flammte in Morgans Augen etwas auf, das Angus an den Blick eines Jägers erinnerte, der eine seltene Beute erspäht hat. Als der Ältere ihm die Hand auf die Schulter legte, zuckte Angus unwillkürlich zusammen und schämte sich augenblicklich dafür, doch Morgan schien es nicht bemerkt zu haben.

„Junge, denkst du wirklich, sie hätten gesagt, wer es ist?“

Angus runzelte die Stirn und blickte Morgan fragend an, der nicht davon auszugehen schien, dass der Jüngere die Frage beantwortete.

„Du dienst doch am Tor, Junge, bist Shukovs Protegé. Wenn du da oben auf der Mauer stehst, wenn die Flüchtlinge ankommen in ihren ewig langen Kolonnen, wie oft haben sie dir gesagt, wer von ihnen infiziert ist, hm? Wie oft liefern die Eltern die Kinder aus, oder die Männer ihre Frauen? Wie oft versuchen sie sich mit Lügen zu schützen, im Glauben, dass es vielleicht doch nur eine Erkältung ist? Diese Leute hier hätten nicht verraten, wer die Infizierten sind.“

Morgans Worte trafen direkt ins Schwarze. Geknickt über die Erkenntnis, die ihm eigentlich hätte klar sein müssen, ließ Angus den Kopf etwas sinken, doch eine Hand an seinem Kinn zwang ihn, wieder aufzusehen, direkt in Morgans Augen, die ihn eindringlich musterten.

„Es gibt keinen anderen Weg um sicher zu sein, gerade du weißt das genau. Einer mag jetzt krank sein, aber zwei weitere sind schon infiziert, wir sehen es nicht und schleppen es heim. Das darf nie passieren. Sie wollen uns nicht helfen, also müssen sie die Konsequenzen tragen. Mitleid und Gnade sind Schwächen, die wir uns nicht leisten können. Wir müssen schnell und gründlich sein, so schnell und so gründlich wie nur möglich.“

Angus nickte leicht. Es stimmte, es gab keinen anderen Weg um sicher zu sein. „Ich weiß“, antwortete er knapp.

Der Ältere streckte den Rücken durch und verzog den Mund zu einem schiefen, aber freundlichen Grinsen. „Du wirst mal 'n guter Anführer, wenn du so weiter machst. Aber du darfst eins nie vergessen, Junge. Am Wichtigsten ist nicht, den Befehlen zu gehorchen, sondern deinen Leuten zuzuhören. Erst zuhören, dann reden. Sei der Hirte in deiner Herde und du gewinnst nicht nur ihr Vertrauen, sie gehen für dich auch durchs Feuer.“

Er verpasste Angus einem kameradschaftlichen Hieb gegen die Schulter, was ihn plötzlich wieder die Ehrfurcht fühlen ließ, die er als junger Rekrut schon für Morgan empfunden hatte – und die schlagartig verflog, als das raue raubtierhafte Lachen von Liz erschallte, die sich inzwischen zu ihnen gesellt und einiges mitgehört hatte.

„Hirte! Hirte von Tyrs Hand! Wundervoll, darauf wäre ich im Leben nicht gekommen! Wie sieht's aus, Hirte, heute schon Schäfchen gezählt?“

Morgan wandte sich mit einem breiten Grinsen zu ihr um und vollführte mit seinen Fingerspitzen ein schroffes Wegstreichen unter dem Kinn in ihre Richtung, woraufhin sie versuchte, das Lachen zu unterdrücken, doch es klang eher, als würde sie versuchen, sich selbst zu ersticken.

Angus zuckte erschrocken zusammen als es laut im Kamin krachte. Einer der Holzscheite musste zu harzig gewesen sein oder sich etwas im Holz befunden haben, was es in der Hitze hatte zerplatzen lassen. Als es sich nicht wiederholte sondern nur das gleiche, sanfte Knistern zu hören war, entspannte er sich wieder.

Nach jenem Tag im Dorf war alles ... wie es zuvor gewesen war. Zumindest äußerlich. Der Tod der Bewohner lag auf seinen Schultern wie ein unsichtbarer Fels, der ihn zu zerquetschen drohte, doch er hatte es für sich behalten und auch kein anderer verlor darüber ein Wort. Es war ein Einsatz gewesen wie es viele andere bereits davor gegeben hatte und noch mehr andere danach geben würde. Dabei hätte ihnen allen klar sein müssen, dass Schuld an niemandem spurlos vorbei geht, sondern es immer eine Frage des Wann und des Wie war, in der sie sich äußerte.


Natürlich versuchte er Liz den Spitznamen auszutreiben, aber in solchen Punkten war sie immer wie eine pandarische Fingerfalle – je mehr man zog, umso enger hielt sie fest. Gab man hingegen nach...nun, er hatte nachgegeben. Er hatte angefangen den Namen zu dulden, bis er irgendwann gemerkt hatte, dass seine Kameraden ihn nicht zum Necken so nannten sondern aus Respekt.

Wie Morgan es ihm einst geraten hatte, hatte er wann immer möglich versucht, für die anderen ein offenes Ohr zu haben und es hatte sich ausgezahlt, als er seinen eigenen Trupp zugewiesen bekam. Oft hatte er überlegt sich bei dem Älteren für den Rat zu bedanken, doch irgendwie war es nie dazu gekommen. Anfangs noch, weil Angus einfach noch mitten in der Ausbildung und Morgan als Veteran fast ständig auf Einsatz war, später, weil es sich einfach nicht mehr richtig anfühlte.

Etwas hatte sich in den letzten Jahren geändert und doch Angus konnte nicht wirklich sagen, was. Die Stimmung im Kreuzzug war schon seit längerem gereizt, denn der Krieg in den Pestländern dauerte bereits deutlich länger als man je erwartet hätte. Aufgrund des Zerwürfnisses mit der Argentumdämmerung würde er auch noch viele Jahre weitergehen und weiter unzählige Leben verschlingen, die nicht selten in den Reihen des untoten Gegners wieder auftauchten. Mehr Kämpfe bedeuteten mehr Tote und damit mehr potentielle Untote für die Geißel. Ein Teufelskreis, aus dem es kein Entrinnen gab.

Der Frust über die Situation spiegelte sich auch in ihrem Alltag wieder. Rekruten wurden durch die Ausbildung geprügelt, die erheblich verkürzt war, um sie schneller in die regulären Truppen eingliedern zu können. Nicht selten blieben dabei einige auf der Strecke, die gnadenlos aussortiert und entfernt wurden. Übungskämpfe in der Freizeit endeten weit öfter blutig, seltener auch tödlich, da sie Frust und Wut besser abbauten als das stumpfe Einschlagen auf ein paar Holzpuppen.

Zusammen mit Malone Donohov, einem anderen Truppführer des 13., war Angus auf dem Übungsplatz und lieferte sich mit ihm einen Übungskampf auf drittes Blut. Donohov führte und reizte ihn mit einer spöttischen Geste, was auch seine Wirkung erzielte und Angus nur umso mehr anstachelte. Gerade als er zu einem neuen Angriff ansetzen wollte gellten Schreie über den Platz, die er nur zu oft schon gehört hatte. Er musste nicht zu den Rekruten am anderen Ende des Platzes sehen, dafür kannte er die Schreie menschlicher Kehlen zu genüge, wenn die Körper schwere Verletzungen erlitten und der Verstand der Verletzten nicht die Gnade hatte, sie in Schock oder Bewusstlosigkeit zu schicken. Er tat es trotzdem und sah einen Rekruten mit gesenktem Kopf im Staub knien, der sich unter ihm dunkel verfärbte.

Und da stand er. Über den Rekruten gebeugt, in einer Hand ein Schwert haltend, von dessen Klinge dicke Blutstropfen auf den staubigen Boden fielen. J. P. Morgan. Angus hätte ihn beinah nicht erkannt, war es doch auch schon eine lange Weile her, dass sich ihre Wege gekreuzt hatten. Das entbehrungsreiche Leben des Kreuzzugs der letzten Jahre hatte Morgan vorzeitig altern lassen und zahlreiche Narben in seinem Gesicht verzerrten zum Teil seine Mimik. Seine Augen lagen tief in den Höhlen, die von strähnigem Haar, das bereits von erstem Grau durchsetzt war, halb verdeckt wurden. Seine Statur war die eines drahtigen großen Raubtiers, was durch seine leicht gebeugte Haltung noch unterstützt wurde und ihn konstant angespannt wirken ließ.

Als habe er Angus' Anwesenheit gespürt hob Morgan ruckartig den Kopf und blickte zur Seite, so dass sich ihre Blicke trafen. Und da war es wieder, das Aufflammen in Morgans Augen, mit diesem euphorischem Glanz, als wolle er jeden Moment blitzschnell zustoßen und seine Beute zu Fall bringen. Langsam, als würde jemand den Strang der Zeit auseinanderziehen und Sekunden zu Minuten werden lassen, richtete Morgan sich auf, ließ die Schultern einmal kreisen und deutete einen knappen Salut gen Angus an. Ein Lächeln ließ die vernarbten Wange zuckten und verzerrte es zu einem halbseitigen Zähneblecken. Dann wandte er sich wieder zu den Rekruten, die zu ihm aufschauten wie soviele Jahrgänge vor ihnen, doch nicht in Verehrung, wie Angus bemerkte, sondern vielmehr in Furcht.

„Ihr werdet stärker und überlebt oder ihr bleibt so schwach wie ihr seid und geht unter.“ Abermals schaute er gen Angus und die Rekruten folgten seinem Blick. „So ist der Lauf der Dinge. Nicht wahr, Truppführer Bodkin?“

Angus nickte als er plötzlich angesprochen wurde und straffte die Schultern.

„Wer nicht mit uns ist, ist gegen uns.“ Er sprach die Worte mit dem Stolz eines Kreuzfahrers, wie er sie vor vielen Jahren das erste Mal gehört hatte. Doch als die Worte über den Platz hallten bemerkte er, dass diesmal ihrem Klang eine unterschwellige Bitterkeit anhaftete.

Morgan sagte nichts weiter. Stattdessen gab er zwei der Rekruten einen Wink, den Knienden zu entfernen, welcher sich mit einem Wimmern seinem Schicksal fügte. Keiner von ihnen sah ihn je wieder und Angus war dankbar darum, einen solchen Schwächling nicht als Kameraden oder gar Bruder bezeichnen zu müssen.

Die ersten Scheite fielen zusammen und ließen Funkenwolken aufsteigen, die im Windsog des Kamins als glühende Wogen in den Schacht aufstiegen, um dort in der Finsternis zu vergehen.

Er war immer der Meinung gewesen, dass alles, was geschah, einem Zweck diente. Jeder Überlebende, jeder Tote spielte eine Rolle in einem größeren Geschehen, dass nur Licht allein kannte. Der Tod eines Menschen konnte motivieren, er konnte aber auch die Seele erschüttern und er konnte sogar das Licht erlöschen lassen, wenn er nur schwer genug wog.


Im Laufe der Jahre ergriff eine zunehmende Totalität den Kreuzzug, der immer verbissener gegen alles und jeden vorging, das sich im Hoheitsgebiet der Scharlachroten befand. Eine Art Wettstreit begann sich unter den Kreuzfahrern zu etablieren, bei dem die Zahl der eigenhändig Getöteten als Scharten und Kerben in Schilde und Waffengriffe geritzt wurden und der den Besten zusätzliche Rationen zur sonst mageren Verpflegung einbrachte - ein Ansporn, der aus vielen Einheiten gnadenlose Jagdtrupps machte und viele dazu motivierte, erst zu töten und dann zu fragen. Nicht selten kam es dabei zu Todesfällen unter Zivilisten, welche aber als Kollateralschäden verbucht und gebilligt wurden.

Auch der Schild von Angus zeigte bereits mehrere Kerben, die sich zu einem kunstvollen Muster zu winden begannen. Zusammen mit Donohov saß er auf der Treppe zum Wehrgang und schnitt gerade die letzte neue Kerbe in seinen Schild, als sich ein Schatten über ihn legte. Angus hielt inne und schaute auf – und direkt in das mürrische Gesicht von J. P. Morgan, welcher die Kerben kurz betrachtete und dann abfällig die Nase rümpfte.

„Es gibt keinen Grund, auf das Beenden von Leben stolz zu sein, wenn man geschworen hat, das Leben zu schützen“, knurrte er missmutig und spuckte zur Seite aus. Angus runzelte irritiert die Stirn. Von allen Kreuzfahrern, die er kannte, war Morgan einer der wenigen, von dem er am ehesten erwartet hätte, dass seine Kerben nicht mehr zu zählen waren, doch offenbar hatte er sich geirrt. Morgan ging zum Rest seiner Truppe und verließ kurz darauf mit ihnen zusammen Tyrs Hand.

Wenige Tage später verbreitete sich die Nachricht über ein Massaker, bei dem nicht nur ein ganzes Dorf sondern auch ein gesamter Einsatztrupp getötet worden waren. Mit einem unguten Gefühl ging er zu Shukov und fragte sie nach näheren Informationen. Shukovs Antwort war genau das, was er nicht hören wollte. Das Dorf war als verloren markiert und zur Reinigung freigegeben worden. Ein Einsatztrupp aus dem 12. Bataillon unter dem Kommando von J. P. Morgan hatte die Aufgabe übernommen, da es Morgans Heimatort war und er es als seine Pflicht angesehen hatte, sich persönlich darum zu kümmern. Laut Bericht war dies auch erfolgt, jedoch hatte jemand oder etwas auch die Scharlachroten exekutiert, bis auf den letzten Mann. Keine der Leichen war noch vollständig intakt gewesen. Köpfe und Gliedmaßen waren abgetrennt worden, einige fehlten ganz. Die verbliebenen Schädel waren skalpiert und die Ohren abgeschnitten. Erzählungen von Orcs und Trollen des Argentum machten die Runde, welche für ihre barbarischen Rituale die Männer getötet haben sollen.

Bis zuletzt hatte Angus gehofft, dass Morgan vielleicht nicht dabei sei, doch schließlich brachte man zwölf Tote zurück nach Tyrs Hand, den vollständigen Trupp. Keiner fehlte. Schweren Herzens erfüllte Angus seine Pflicht. Er strich die Namen von J. P. Morgan und seinen Kameraden von der Liste der Lebenden.

Mit einem Feuerhaken stochernd brach er die schon verbrannten Außenseiten auf, um die noch heiße Glut im Inneren frei zu lassen, die in neuen, zaghaft züngelnden Flammen zwar wieder zu Leben erwachte, doch deutlich schwächer war.

Der Tod von Morgan hatte ihn damals mehr mitgenommen als er wahrhaben wollte. Mit ihm war auch ein Teil des alten Kreuzzugs, wie Angus ihn gekannt hatte, gestorben. Die Rekruten hatte man in die Lücken der Bataillone gestopft und ihr Defizit an Erfahrung glichen sie durch einen Übereifer aus, der sie für einige Dinge blind machte.


Es verging fast ein weiteres Jahr bis abermals die bestialisch zugerichtete Leiche eines Scharlachroten gefunden wurde, deren Zustand identisch war mit den Toten von Morgans Trupp. Er war der erste von einer Reihe von Morden an Scharlachroten, die alle die gleiche Brutalität aufwiesen. Keiner glaubte an einen Zufall, deutete doch alles auf gezielte Angriffe hin. Stimmen wurden laut, die Präventivangriffe gegen die Silbernen forderten. Truppenkonfrontationen der beiden Orden verliefen immer öfter blutig, vor allem wenn Nichtmenschen beteiligt waren.

Je mehr Scharlachrote ihm zu Opfer fielen, umso mehr begann sich eine Legende um den Mörder zu bilden und bald wurde er nur noch als „der Flammenjäger“ bezeichnet, der Kreuzfahrer zu jagte und schlachtete. Die Jäger wurden zu Gejagten. Immer wieder schlugen die Versuche, den Mörder zu fassen, fehl, und immer mehr schlug die Vorsicht der Scharlachroten in Misstrauen gegenüber allem um, das nicht das Wappen des Ordens trug. Vor allem die Jüngeren ergriff eine Art Paranoia, da sie auf ihren ersten Einsätzen nicht selten die bevorzugten Opfer des „Flammenjägers“ waren.

Suchtrupps wurden vermehrt zusammengestellt um den „Flammenjäger“ zu ergreifen, doch ohne Erfolg. Durch die anhaltenden Morde und fehlende Berichte über die tatsächliche Existenz des „Jägers“ begann sich der Verdacht sogar gegen die eigenen Reihen zu wenden. Nicht selten wurde Angus mit seinen Wachen noch vor der Morgenmesse zum Exekutionsplatz gerufen, um die Leiche eines Scharlachroten vom Galgen zu holen, der von seinen Kameraden für schuldig befunden worden war.

Bis zu dem Tag, als ein Trupp den Täter auf frischer Tat beobachtete, jedoch zu weit weg war um ihn dingfest machen zu können. Der Bericht des Trupps riss den bestehenden Graben zwischen Argentum und Scharlachroten endgültig zu einer unüberwindbaren Schlucht auf und ließen den Konflikt endgültig eskalieren. Er berichtete nicht nur, dass der Täter tatsächlich den Wappenrock der Argentumdämmerung trug, sondern auch das bis dahin Undenkbare – der Täter war weder ein Troll noch ein Orc, sondern ein Mensch.

Ab da gab es für die Scharlachroten kein Halten mehr und jeder Silberne wurde ebenso zum Freiwild erklärt wie jeder Untote. Eine Entscheidung, die mit Forderungen nach Rache begrüßt und umgesetzt wurde. Die Gejagten wurden endlich wieder zu den Jägern.

Die Schwärze der Nacht breitete sich zunehmend im Zimmer aus, als das Feuer im Kamin allmählich zu einem Haufen glühender Holzscheite zusammenfiel und damit auf ungewollt bildliche Weise den weiteren Werdegang des Feuers des Scharlachroten Kreuzzugs und seines Kampfes gegen die untote Verderbnis darstellte.

Er selbst war dem „Flammenjäger“ in all den restlichen Jahren in Tyrs Hand nie begegnet, sondern hatte immer nur Erzählungen gehört. Bis zum Schluss.


Es waren die letzten Tage des großen Kreuzzugs in den Pestländern. So sehr die letzten, wie sie es nur sein konnten. Angus, Malone und eine Handvoll weiterer Offiziere waren gemeinsam mit ihren Trupps die letzten stationierten Kreuzfahrer in Tyrs Hand und verteidigten die Mauern nach Ost und West gegen jeden, der es wagte, sich zu nähern. Sie konnte keine Gefahr laufen, versehentlich verbündete Truppen zu erwischen, denn es gab keine mehr.

Bereits vor Wochen war der Großteil des Kreuzzugs mit Schiffen nach Norden gesegelt, um in der letzten Phase des Kriegs direkt ins Herz der Geißel zu stoßen und es zu zerschlagen. Unter ihnen waren auch Natasi Shukov und Elisabeth von Richwin. Angus hingegen hatte von Shukov den Befehl erhalten zurückzubleiben und Tyrs Hand zu halten, egal um welchen Preis. Er hat den Befehl nicht ohne Widerworte hingenommen, doch die Androhung auf Verurteilung für Insubordination hatte ihn verstummen und akzeptieren lassen.

Die zum Bleiben Befohlenen waren auf den Wehrgängen von Turm zu Turm gehetzt, hatten Kommandos gebrüllt und die Ballisten ohne Unterbrechung ihre tödlichen Salven feuern lassen um den Kreuzfahrern unter ihnen eine Schneise durch die untoten Heere aus Naxxramas zu bahnen, damit sie den Hafen von Neu-Avalon und die dortigen Schiffe erreichen konnten. Die Kämpfer beider Seiten waren zu Hunderten gefallen und hatten den Boden mit rotem und schwarzem Blut getränkt. Erst als die letzten roten Segel am Horizont verschwunden waren hatte Angus final realisiert, dass er wirklich zurückgelassen wurde.

Zwar gab es außer der letzten Reserve von Tyrs Hand noch einen Trupp, den man vor einiger Zeit in Richtung Sturmwind geschickt hatte, doch ob der dort angekommen war oder ob er überhaupt noch lebte, war ungewiss. Damit gehörte Tyrs Hand nun ihnen, keine hundert Mann, die mit allen Mitteln die Mauern der Stadt verteidigten.

Es war der größte Schock seines bisherigen Lebens als Angus eines frühen Morgens zur Wachablösung auf die Mauer stieg und feststellen musste, dass sein Kamerad nicht aus Müdigkeit zusammengesunken zwischen den Zinnen hockte sondern sich mit einem feuchtem Grunzen auf ihn zu stürzen versuchte. Angus konnte ihn gerade noch abwehren und über die Brüstung auf die Außenseite der Mauer stoßen, als ihm Schreie aus anderen Ecken der Stadt verrieten, dass dieser Mann nicht der einzige war. Irgendwie hatte es die Seuche in die Stadt geschafft, obwohl die Tore fest verschlossen waren.

Nie zuvor in seinem Leben hatte er solche Angst empfunden wie in diesem Moment als er erkannte, dass Tyrs Hand dabei war, dem Untod anheim zu fallen und das unter seiner Wacht. Was würde Shukov wohl sagen? Vermutlich nichts, aber er hatte auch keine Zeit, darüber nachzudenken. Er rannte die Stufen hinab zu den Baracken, mit dem Schwert auf den Schild schlagend um die Schlafenden zu wecken. Es dauerte nicht lange bis der Alarm auch die letzte Ecke erreichte und das ganze Ausmaß der Katastrophe klar wurde. Fast die Hälfte von ihnen hatte sich in den Nachtstunden infiziert und es wurden immer mehr, die von Fieber und Krämpfen gebeutelt zusammensanken und sich kurz darauf bereits als Untote erhoben.

Angus verstand die Welt nicht mehr. Bisher hatte es immer mehrere Tage gedauert zwischen Infektion und Wandel. Keiner von ihnen hatte etwas anderes gegessen oder getrunken als der Rest, keiner Unregelmäßigkeiten in den Patrouillen, kein Befall in den Baracken. Je weiter die Sonne sich jedoch erhob, umso mehr erlagen dem plötzlichen Untod, bis keine zehn Mann mehr übrig waren. Angus schaffte es nicht mehr sich zu den anderen durchzuschlagen ohne selbst Gefahr zu laufen, von der Überzahl überwältigt zu werden. Es blieb ihm nur, sich auf einen der Wehrtürme zurückzuziehen und dort zu verschanzen. Den anderen ging es nicht besser und so harrten sie auseinander gerissen und verteilt auf Dächern, Zinnen und Türmen ihres Schicksals. Ohne Wasser und ohne Nahrung war es war nur eine Frage der Zeit, bis auch sie fallen würden. Spätestens, wenn die Müdigkeit sie übermannen würde.

Als die Sonne sich allmählich dem Horizont näherte ertönte der klare Ton eines Kriegshorns. Angus konnte sehen, wie der von Wolken getrübte Schein der Sonne sich auf unzähligen Plattenrüstungen spiegelte, die sich näherten. Für einen kurzen Moment schöpfte er Hoffnung, doch dann erkannte er dass die Rüstungen nicht rot sondern silbern waren. Noch ehe er den anderen eine Warnung zurufen konnte explodierte das gigantische Tor von Tyrs Hand in tausende Splitter, die sich durch die aufgebrachten Untoten in der Stadt fraßen. Das Heer der Argentumdämmerung stürmte durch das zerstörte Tor in die Stadt der Tausend Kirchen wie ein Rudel Hyänen auf ein verletztes Tier. Mit kalter Effizienz schwärmten die Truppen aus und beseitigten binnen kurzer Zeit jeden der scharlachroten Untoten. Angus sah wie einer der Silbernen kurz über einem Untoten mit eingeschlagenem Schädel verharrte, sich dann umblickte und die wenigen noch Lebenden entdeckte, die sich auf den Wehrgängen verschanzt hatte. Der Mann kletterte in überraschendem Tempo die Stufen empor und ehe Angus einen Ton herausbrachte sauste die Klinge des Mannes nieder, enthauptete den ersten der Lebenden und wandte sich sofort dem zweiten zu. Der Scharlachrote hatte keine Chance und auch er fiel unter dem Hieb des Silbernen. Einem nach den anderen zerrte der Argentumstreiter aus den Verstecken und streckte sie nieder, bis er schließlich auf Angus zukam, dem das Blut in den Adern gefror.

Mit einem bösartigen, zähnefletschenden Grinsen kam ein lebender Alptraum auf ihn zu. Angus kannte die Augen, die giftig unter den strähnigen Haaren hervorblitzten, er kannte die Narben, die das Gesicht zu einer Maske des Hasses verzerrten. J. P. Morgan ging langsamen Schrittes auf ihn zu während er das Schwert hob und ankündigend auf Angus zeigte und ihn damit zum nächsten Ziel erklärte. Angus war nicht in der Lage etwas zu sagen oder sich zu rühren. Zu geschockt war er, den ehemaligen Waffenbruder zu sehen und in ihm den zu erkennen, den sie als „Flammenjäger“ hassten und fürchteten.

Das Schwert sauste auf ihn nieder, doch ehe es ihn berührte gellte ein lauter Schrei über den Platz. Unten, zwischen mehreren Leichen, stand ein Mann im Ornat des Klerus der Argentumdämmerung. Schwarzes, glänzendes Haar lockte sich um ein feingeschnittenes, bartloses Gesicht mit stechend blauen Augen. Der Kleriker wirkte noch jung doch haftete ihm eine Aura an der Autorität an, die sofort jeden um ihn herum in den Bann zog.

„Wir töten nicht die Lebenden, Bruder Morgan!“, schrie der Mann zu ihnen hinauf, „Auch nicht, wenn sie im Dienst für das Licht versagt haben.“

Morgan hielt inne, dann nickte er minimal und senkte tatsächlich langsam die Klinge. Im nächsten Moment packte er Angus blitzschnell am Kragen und schleuderte ihn mit einem kräftigen Schwung von der Mauer auf den Platz hinunter. Weißglühender Schmerz jagte durch den Schildarm, als Angus ungebremst zu Füßen des Klerikers aufschlug, der auf ihn hinabschaute wie auf einen verurteilten Ketzer, doch entgegen seines Blickes war die Stimme überraschend sanft.

„Ihr solltet gehen. Hier gibt es nichts mehr für Euch.“

Angus schaute zu ihm auf, dann an ihm vorbei, zu den Kirchen und Kapellen, aus denen gerade die Scharen der Silbernen diverse Reliquien und Artefakte trugen. Scharlachrote Reliquien und Artefakte. Bittere Galle stieg in Angus auf und ließ ihn vor Wut zittern.

„Geht nach Süden“, fuhr der Kleriker fort, „dort gibt es noch einige wie Euch.“

Die anderen Überlebenden wurden mit zu Angus und dem Kleriker getrieben und erhielten den gleichen Rat. Morgan lehnte beobachtend an der Mauer, das Gesicht noch immer zu einem diabolischen Grinsen verzerrt, und offerierte den Roten seine Art von Alternative, indem er den Zeigefinger mit der Spitze an seinen Hals legte und mit dieser langsam einen demonstrativen Schnitt quer über die Kehle zog.

Sie protestierten, sie schrien, sie fluchten, doch alle Gegenwehr half nicht. Letztendlich nahm man ihnen die Waffen ab, ließ ihnen lediglich die Rüstung und zwei Pferde und Verpflegung für einen Tag. Noch am gleichen Tag jagten die Streiter der Argentumdämmerung die letzten lebenden Scharlachroten mit Tritten und Schlägen aus Tyrs Hand.

Das Feuer war erloschen. Gedankenverloren stocherte Angus mit dem Feuerhaken in der Asche. Ein Luftzug ließ ein paar Ascheflocken erzittern ehe er sie in den Kamin hinauf sog. Dort, inmitten der verbrannten Reste, glomm noch ein kleiner schwacher Rest des vormals kräftigen Feuers. Mit etwas Geschick könnte er es wieder aufflammen lassen und vor dem völligen Erlöschen bewahren.

Morgans Verrat hatte seine Welt in Scherben splittern lassen. Er hatte nie verstanden, was das einstige Vorbild seiner Jugend zu einem wahnsinnigen Schlächter an seinen eigenen Kameraden hatte werden lassen. Das gesamte Ausmaß des Wahnsinns jedoch kannte er erst seit kurzem...


Eine Ewigkeit war er nicht mehr in Herdweiler gewesen. Es war auch weniger Absicht als Pragmatismus, der ihn und seine Ordensgeschwister vor die Tore der Stadt gebracht hatte und ja, er war durchaus skeptisch gewesen, wie man sie empfangen würde. Die kühle Reserviertheit der Wachen war etwas, womit er umgehen konnte und zumindest legte es keiner der Silbernen darauf an, einen Streit vom Zaun zu brechen.

Zumindest war das der Eindruck gewesen, bis sich eine Gestalt in dunkler, abgenutzter Rüstung mit dem Wappenrock des Argentumkreuzzugs näherte. Er musste das Gesicht nicht einmal sehen um anhand der leicht gebeugten, raubtierhaften Haltung mit dem prahlerischen Gang eines überlegenen Siegers zu erkennen, wer es war. J. P. Morgan machte keinen Hehl daraus, genau in diesem Moment mehrere Schützen auf Angus zielen zu lassen. Im Gegenteil, er sagte ihm sogar direkt ins Gesicht, dass er seit dem Tag in Tyrs Hand seine Beute sei und er ihn kriegen würde, so wie auch die anderen.

Angus verharrte schweigend, nicht bereit sich provozieren zu lassen. Morgan, der es sichtlich genoss ihn zu reizen, hielt ihm ein Bündel Abzeichen unter die Nase. Abzeichen, welche einstmals Scharlachrote getragen hatten, einige für Einsätze, andere für Dienstdauer. Abzeichen, die er seiner erlegten Beute abgenommen hatte. Mit an Hybris grenzender Selbstsicherheit zog Morgan ein bestimmtes Abzeichen hervor und Angus fühlte die Wut in ihm aufsteigen, die ihn drängte, blindlings vorzustürmen. Es war ein Abzeichen, das jeder der letzten Verteidigung von Tyrs Hand bekommen hatte, auf dessen Rückseite in kleinen Buchstaben der Name „ M. Donohov“ eingraviert war.

Er hatte ihn nicht geschlagen. Er hatte ihn auch nicht angeschrien. Aber er hatte ihm geschworen, ihn für den Verrat und die Morde an seinen Brüdern und Schwestern zur Rechenschaft zu ziehen und nicht zu ruhen, bis J. P. Morgan nicht nur auf dem Papier tot sein würde, während Morgan ihm versprach, Angus wieder mit seiner Einheit zu vereinen.

Es war kalt in seinem Zimmer und durch das Fenster konnte er sehen, dass der Himmel im Osten allmählich heller zu werden begann. Mit einem Seufzen setzte Angus sich an seinen Tisch und nahm den Brief aus dem Umschlag mit dem Teefleck. Dann griff er zu seiner Schreibfeder und begann auf einer neuen Seite eine Antwort zu verfassen.

„Das Licht immer mit Euch, Schwester Ogilvy, möge es Euch stets schützen.

Ich hoffe, das Winterhauchfest konnte Euch und Eurem Orden etwas Ablenkung vom Alltag bieten. Es hätte mich in der Tat gefreut, Euch persönlich grüßen zu können, doch man sagte mir, dass Ihr zum Zeitpunkt unserer Anwesenheit nicht in Herdweiler zugegen wart.

In Anbetracht dessen erlaube ich mir, Euch erneut zu schreiben, da es nicht zuletzt an mir ist, unsere Korrespondenz fortzuführen. Ich hoffe Ihr könnt mir meine verspätete Antwort nachsehen, doch es gab Dinge, die dringender meine Aufmerksamkeit forderten und halbherzig geschriebene Briefe sind meist das Papier nicht wert, das sie benötigen.

Wie dem auch sei, ich habe Euch leider nicht nur Glückwünsche, Grüße und einige Kleinigkeiten zu Winterhauch zu senden, sondern auch ein Anliegen, welches sich erst in Herdweiler selbst ergab aber von ziemlicher Dringlichkeit ist.

Es ist mir bewusst, dass ich hierbei die Schwelle unserer freundschaftlichen Bekanntschaft strapaziere, doch da mir durchaus an Eurem Wohlbefinden liegt, Schwester, erspare ich mir heute die Neckereien und möchte Euch unverblümt eine Warnung senden. ...“
_________________
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Beiträge der letzten Zeit anzeigen:   
Neues Thema eröffnen   Neue Antwort erstellen Seite 1 von 1 [8 Beiträge] Das Thema als ungelesen markieren ::  Vorheriges Thema anzeigen :: Nächstes Thema anzeigen
 Forum-Index » Rollenspiel » Die Anschlagtafel » Schmökerecke
Gehe zu:  

Du kannst keine Beiträge in dieses Forum schreiben.
Du kannst auf Beiträge in diesem Forum nicht antworten.
Du kannst deine Beiträge in diesem Forum nicht bearbeiten.
Du kannst deine Beiträge in diesem Forum nicht löschen.
Du kannst an Umfragen in diesem Forum nicht mitmachen.
Du kannst keine Kalendereinträge in diesem Forum erstellen.


Powered by phpBB © 2001, 2002 phpBB Group
Powered by CBACK RPG Tools
Deutsche Übersetzung von phpBB.de


World of Warcraft™ and Blizzard Entertainment® are all trademarks or registered trademarks of Blizzard Entertainment in the United States and/or other countries.
These terms and some related materials, logos, and images are copyright © Blizzard Entertainment.
This site is in no way associated with Blizzard Entertainment®.